Bürde der Vergangenheit
Gebrauchter Hund - Eine Entscheidung für das Leben
Als wir am 25. September 2005 die Fahrt in Richtung seiner Pflegestelle angetreten hatten, um einen Tierschutz-Notfall namens Harry zu übernehmen, waren wir uns durchaus darüber bewusst gewesen, dass wir fortan für seinen weiteren Lebensweg in jeglicher Hinsicht verantwortlich zeichnen würden. Worauf wir allerdings nicht wirklich vorbereitet waren, bestand in dem tatsächlichen Ausmaß der Bürde, welche diesem siebenjährigen Bardino-Husky-Mischling in seinem alten Leben auferlegt worden war. Dieses Ausmaß sollte selbst die erfahrenen Tierschützer, seine Retter, überraschen. Denn auf den ersten Blick hatten wir einen durchaus verhaltensauffälligen Hund übernommen. Entgegen aller nachdrücklichen Empfehlungen seitens diversen Tierärzten und Hundetrainern, Harry an die Tierhilfe zurückzugeben, sind wir dennoch angetreten, um Harrys Verhalten zu ergründen und diesem entsprechend entgegenzuwirken. In der Tat sollten uns die kommenden Jahre in mannigfaltiger Hinsicht gehörig auf die Probe stellen. Und doch haben wir es hinbekommen. Über einen langwierigen, vor allem aber äußerst intensiven Prozess war es uns gelungen, Harry nachhaltig von der Bürde seiner Vergangenheit zu befreien. Harrys Entwicklungsprozess vom verhaltensauffälligen Kettenhund zum friedfertigen Familienmitglied wurde in unserem Ort von vielen aufmerksam verfolgt. Ich werde unsere Geschichte erzählen. Mit der Zielsetzung eines dauerhaften harmonischen Miteinanders von Hund und Mensch haben wir für Euch Hintergrundinformationen und Erfahrungsberichte zu Integration, artgerechtem Umgang und artgerechter Erziehung des Hundes in seinem neuen Umfeld bereitgestellt. Harry, seine Nachfolger Jason und auch Terry, sowie die zahlreichen ehemaligen Tierschutz-Hunde, nebst deren heutigen verantwortungsbewussten Halter aus dem Kreise unserer Hundefreunde- u. Bekannten, standen und stehen für diese Seiten von Der gebrauchte Hund Pate.

Neun Jahre hat uns diese treue Seele begleitet. Harry war ein wirklich Großer gewesen. Dass sein Werdegang unter unserer Obhut nicht spurlos an uns vorbeigegangen ist, versteht sich von selbst. Ich frage mich, was nötig gewesen war, um diesen von Grund auf friedfertigen Hund mit einem von Grund auf guten Charakter zu einem verhaltensauffälligen Hund zu formen. Wie viel „Menschlichkeit“ hatte es dazu bedurft? Ich maße mir nicht an, die Antwort zu kennen. Was ich aber weiß, ist, was es tatsächlich bedeutet, sich eines Hundes wie Harry anzunehmen. Nun, man zieht regelrecht auf einen Kreuzzug. Denn letztendlich werden nicht alleine Eure Fähigkeiten und Fertigkeiten hinsichtlich profunder Hundekunde auf die Probe gestellt. Ihr werdet im gleichen Atemzug auch den Menschen als solchen besser kennenlernen. Denn während Ihr da draußen mit Eurem Schützling intensiv arbeitet, werden sich auch zwangsläufig so manche scheinbar lautere Mitmenschen dazu berufen fühlen, Euch und Eurem Hund gegenüber deren wahren Charakter zu offenbaren. Die Bandbreite reicht hier von dummen Sprüchen bis hin zu offenen Anfeindungen!
Warum nun sollte man sich dennoch ganz bewusst auf einen „Besonderen Hund“ wie Harry einlassen? Dass es Hunde wie er nicht zuletzt aufgrund deren individuellen Leidensgeschichten ganz besonders verdient haben, endlich ihren Menschen zu finden, an welchen sie sich binden können, einen Menschen, der es wert ist, sprich, sich diese Bindung verdient hat, steht außer Frage. Doch da gibt es noch einen weiteren gewichtigen Grund, sich eines „Besonderen Hundes“ anzunehmen! Denn in der Tat ist es bei diesen Hunden im wahrsten Sinne des Wortes:
Nun, der Grat zwischen einem a priori gefährlichen Hund und einem Hund, welchen seine Lebensumstände zu einem entsprechend gefährlichen Individuum formen, ist schmal. Sich die Bindung eines Hundes wie Harry zu verdienen, ist aus meiner Sicht etwas ganz Besonderes. Ich vergleiche sie gerne mit einem Versprechen, einem gegenseitigen Versprechen:
| „Wir fangen noch einmal gemeinsam an!“ |
Unsere bisherigen Familienhunde, die Deutschen Boxer Vesta (von der Hardenburg) und Cato (von der Liebenau), waren als Welpen in unsere Familie gekommen. Beide hatten sich zu wahrhaften und charakterstarken Boxern entwickelt und waren bis zu ihrem Gang über die Regenbogenbrücke treue und anhängliche Familienmitglieder gewesen. Vortrefflichere Familienhunde als die beiden gibt es nicht! Dennoch, als wir Harry am Morgen des 3. Dezembers 2014 in der Tierklinik ziehen lassen mussten, stand das eine außer Frage – fortan würde der Platz unseres Familienhundes ausschließlich durch einen „Besonderen Hund“ besetzt werden. Einem Tierschutz-Notfall, welcher eben Menschen wie uns dringend nötig hat. Lernt also auch unsere beiden „Besonderen Hunden“ Jason und Terry kennen.
Nach der Zeit der Trauer wurde Harrys Platz erneut mit einem Tierschutz-Notfall besetzt, dem kranken vierzehnjährigen Australian Shepherd Jason. Diesen hatte man zuvor regelrecht um sein Leben betrogen. Dieses anspruchsvolle und äußerst lernbegierige Energiebündel hatte sein Leben in einem tristen Hinterhof fristen müssen...
Selbst wenn wir von Anbeginn gewusst hatten, dass Jasons Lebenserwartung aufgrund seines Herzfehlers recht begrenzt sein würde, traf uns sein jäher Tod kalt und doch unerwartet. Doch im Tierheim Pforzheim wartete ein ganz besonderer Hund auf seine Menschen, der zweijährige Terrier-Jagdhund-Mischling Terry. Bei ihm handelte es sich allerdings um einen Rückläufer, sprich, einen Hund, welcher bereits vermittelt worden war. Einmal war er sogar noch am gleichen Tag wieder an das Tierheim zurückgegeben worden. Ohne Zweifel hatte er seine Vergangenheit mit in diese Familien gebracht. Und so waren wir nach Auskunft der Tierschützer tatsächlich Terrys allerletzte Chance gewesen, vermittelt zu werden...




