Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Jason - Ein Aussie erwacht

Ein Licht in der Dunkelheit

Weihnachten 2014 war trostlos gewesen, von der Silvesternacht will ich erst gar nicht reden. Harrys Tod hatte unsere kleine Welt regelrecht aus den Angeln gehoben. Wir hatten in der Tat unser ganz persönliches K-T-Ereignis erfahren. Und das ist nicht nur so dahingeschrieben. Denn dazu hatten wir im Laufe der vorangegangenen neun Jahren viel zu viel gemeinsam durchgestanden. Harrys Bindung war beispiellos gewesen. Aber auch an Kira war sein Gang über die Regenbogenbrücke nicht spurlos vorbeigegangen. Nachdem Kira ihren „spanischen Bauern“ viele Tage lang gesucht und nicht gefunden hatte, war sie auffallend still geworden. Grund genug, sich Sorgen zu machen. Denn bei unserer alten Dame war schon vor geraumer Zeit eine Schilddrüsenüberfunktion diagnostiziert worden. Zur Unterdrückung wurden ihr entsprechende Medikamente verabreicht und auch das Futter hatten wir entsprechend umgestellt. Doch konnte man regelrecht zusehen, wie sie in jeglicher Hinsicht in erschreckender Geschwindigkeit abbaute. Laut Tierarzt war eine Operation, nicht zuletzt aufgrund ihres Alters, keine Option gewesen. Nachdem sich mit der Zeit auch noch Nierenprobleme eingestellt hatten, mussten wir uns eingestehen, dass auch ihre verbleibende Lebenszeit überschaubar sein würde.

Harry und Kira 2014
2014 - Dame Kira und IHR spanischer Bauer Harry

So konnte es keinesfalls weiter gehen, denn die Trauer um Harry und Sorgen um Kira würden uns früher oder später vollständig aufreiben. Und weil wir uns dessen bewusst waren, trafen wir an einem regnerischen Samstag im Februar 2015 eine Entscheidung. Eine Entscheidung, welche im Sinne Harrys gewesen wäre. Ein Tierschutz-Hund sollte seinen Platz einnehmen. Und es sollte sich dabei um einen Hund handeln, welcher diesen Platz bei uns dringend nötig hatte. Ein Hund, welcher zwingend Menschen mit unserem Hintergrund anvertraut werden musste. Kurzum, es war an der Zeit, sich auf ein neues Abenteuer an der Seite eines „Besonderen Hundes“ einzulassen.

Aufgrund unserer Erfahrungen mit Harry hinsichtlich unserer Wohnsituation, damit meine ich Außentreppe und Innentreppe, gab es für unseren nächsten „Besonderen Hund“ allerdings ein KO-Kriterium und das betraf sein Körpergewicht. Diesbezüglich hatten wir uns eine Obergrenze von circa 20 Kilogramm gesetzt. Zudem durfte er gerne etwas jünger sein, denn mit Harry hatten wir gerade erst ein geliebtes Familienmitglied ziehen lassen müssen.

Tja, so war zumindest unser Plan gewesen...

Leider ist es nun einmal so, dass das Leben alles andere als linear und recht dynamisch verläuft. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Vorsehung zum damaligen Zeitpunkt längst einen Kandidaten für uns auserkoren hatte, nämlich ein

„Heimkind“ namens Jason!

Harry und Kira 2014
Heimkind Jason - aufgrund Hautproblemen mit Mäntelchen © TSV Ettlingen

Animal Hoarding - Ums Leben betrogen

Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass es sich bei Animal Hoarding nicht alleine um ein Tierschutzproblem handelt. Aber Anja und ich sollten schon sehr bald damit konfrontiert werden, welche fatale Folgen diese krankhafte Tiersammelsucht für die betroffenen Tiere haben kann. Was passiert, wenn die Tiere nicht angemessen versorgt, und ebenso wenig tiermedizinisch vernachlässigt werden. Vor allem aber damit, was passieren kann, wenn Tiere, deren art- u. rassespezifische Bedürfnisse auf Dauer nicht ansatzweise erfüllt werden. Tiere welche sich dadurch aufgeben, ja, regelrecht gebrochen werden und dadurch schwerwiegende gesundheitliche Schäden erfahren.

Doch zurück zur Vorsehung. Als wir im Februar an einem trüben Samstagnachmittag das Tierheim Ettlingen betraten, schlug eben diese zu. Wir hätten uns selbst in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass wir bereits eine halbe Stunde nach Betreten des Tierheims mit Heimkind eine Kennenlern-Runde um den Buchtzigsee drehen sollten. Und erst recht nicht mit diesem Hund:

Jason in der Probewoche
Probewoche - Jason mittendrin

Ohne vorwegzugreifen, doch Jason hatte bei mir bereits auf dieser ersten Runde gehörig Eindruck hinterlassen. Natürlich wollten wir nach Rückkehr mehr über diesen alten Knaben erfahren. Und das konnte man uns über Jason berichten:

Ohne Frage nicht gerade der jüngere Hund, welchen wir ursprünglich im Sinn hatten.

Wie dem auch sei, eigentlich wollten wir ja nur einmal gucken. Daher hatten wir uns im Vorfeld über die betreuten Hunde nicht kundig gemacht. Jason hatte ich im Außengelände durch Zufall entdeckt. Genau genommen war mir aus dem Augenwinkel aufgefallen, dass da ein Hund aus dem Innenbereich ins Außengelände gekommen war, sich kurz umgeschaut hatte, um gleich darauf wieder im Innenbereich zu verschwinden. Warum auch immer, aber dieser Hund hatte mein Interesse geweckt. Auf ihn angesprochen, teilte mir eine Pflegerin mit, dass es sich bei diesem Hund um den alten Jason handeln würde, welcher sich zu dieser Tageszeit nun seinem täglichen Mittagsschläfchen hinzugeben schien. Kurz darauf hatte ich eine Leine in der Hand und wurde von einem langhaarigen Derwisch vom Tierheimgelände gezogen. Und glaubt mir, es tat ungemein gut, endlich wieder einmal Pflug zu sein. Als wir dann noch erkennen durften, dass dieser Jason schneller auf das gesprochene Wort reagierte, als ich benötigte, dieses Wort überhaupt erst einmal zu formulieren, bekam zumindest ich direkt glasige Augen. Was nun folgte, war die Erkenntnis, dass Jason die personifizierte Unkompliziertheit an der Leine war. Ob entgegenkommende Artgenossen, Horden von Fahrradfahrern und schlendernden Rentnern, selbst Rollatoren und lautstarke Kurze, sogar ein vorbeidonnernder Zug auf dem Bahndamm ließen Hundemann vollkommen kalt. Wohlgemerkt, wir kannten uns ja gar nicht! Auf Ansprache reagierte Jason prompt und glänzte mit einem Grundgehorsam in Sachen Präzision und Zuverlässigkeit ohne Zweifel den Tugenden eines „Schweizer Uhrwerks“. Hier hatten seine Gassi-Gänger und Pfleger vorzügliche Arbeit geleistet. Ein Hund der Arbeitslinie also, nun ja, wir hatten einen ersten Eindruck dieser Referenz bekommen, wohlgemerkt, gerade mal einen ersten Eindruck. Ja, und als er dann noch mit unbändiger Begeisterung auf unsere Spielaufforderungen einstieg, da hatte er uns.

Jasons Verhalten bei Rückgabe sprach Bände und war auch den Pflegern nicht entgangen. Erstaunlicherweise waren wir damals die ersten echten Interessenten an diesem alten Knaben gewesen. Nach zwei weiteren Wochen mit täglichem Gassi-Runden folgte dann die alles entscheidende Probewoche in Etzenrot. Doch hier hatte mittlerweile erneut die Vorsehung zugeschlagen. Kira durfte Jason nicht mehr erleben, denn Ende Februar hatten wir den langen Kampf gegen ihre Niereninsuffizienz endgültig verloren. Sie hätte ihn zweifelsohne gemocht, denn wie sich schon sehr bald zeigen sollte, hatte er so manches mit ihrem „Spanischen Bauern“ gemein.

Die Probewoche

Vor einer Probewoche steht stets die Vorkontrolle durch den Tierschutz. Und das ist auch gut so! Das Ergebnis der Vorkontrolle war erneut rundum positiv und hatte auch unsere Angaben voll und ganz bestätigt. Mehr noch, die Wohnsituation war als besonders geeignet bewertet worden. Dass die Tierschützer bei unseren Gassi-Runden ein besonderes Augenmerk auf die Interaktion zwischen Jason und uns gelegt hatten, lag auf der Hand. Da auch hier nicht zu übersehen war, dass Jason regelrecht einen Narren an uns gefressen zu haben schien, war den Tierschützern die Entscheidung nicht schwergefallen. Der Beschluss, dass Jason die Probewoche bei uns verbringen sollte, war dementsprechend einstimmig gewesen. Nach Ablauf dieser Probewoche sollte eine Nachkontrolle erfolgen. Danach würde über den Verbleib von Jason endgültig entschieden werden. Ach ja, mittlerweile waren weiter Interessenten für Jason aufgetaucht. Ohne Frage besaß Jason jede Menge Nachholbedarf, das stand außer Frage. Hier bei uns würde er eine Welt kennenlernen, von welcher er bisher nur träumen konnte, da sie ihm schlichtweg durch das Tun kranker Menschen verwehrt geblieben war.

Jason in der Probewoche bei der Arbeit
Agility Training für „Reifere Hunde“ - Endlich darf Jason Jason sein

An unserer Wohnanlage angekommen schien Jason bereits verstanden zu haben, dass sich fortan sein Leben grundlegend ändern würde. Als die Autotür geöffnet wurde, gab es kein Halten mehr. Und ihm schien zu gefallen, was er da sah. Zuerst wurde die Hecke an unserem Eck markiert. Danach entschieden wir uns, direkt in die Wohnung zu gehen. Es fiel auf, dass Jason unentwegt mit seinem Blick an Anja hing. Klar, sie hatte ja auch die Leine in der Hand. Im Innenhof an unserer Außentreppe angekommen, reichte ein kurzer Fingerzeig nach oben nebst einem geflüstertes „Auf!“ aus, um sich von Jason die Treppe hinauf zerren zu lassen. Die Begeisterung war nicht zu übersehen. Oben angekommen, wurde Anja direkt zum Spiel aufgefordert. Also Wohnungstür auf und rein in die gute Stube. Die Leine wurde gelöst und er blieb in der Diele wie angewurzelt stehen. In seinen blauen Augen war förmlich zu lesen, dass er erneut auf eine Anweisung zu warten schien. Auf den Fingerzeig ins Wohnzimmer hinein nebst einem weiteren „Na Auf!“ gab es dann kein Halten mehr. Wohnzimmer, Diele und Küche wurden einer gründlichen Inspektion unterzogen. Die Balkone hatten es ihm ganz besonders angetan. Da oben im Grünen zu stehen und die Welt da unten zu beobachten, musste sich für Jason wie Fernsehen angefühlt haben. Als er uns dann noch voller Stolz „Mr. Grün“ präsentierte, welchen wir zuvor an seinem Schlafplatz deponiert hatten, gab es für ihn kein Halten mehr. Mit dem Nachfolger von Harrys Lieblingsspielzeug hatten wir auch bei Jason voll ins Schwarze getroffen. Und schon wurde Mr. Grün unter Knurren „leibevoll“ durchgeschüttelt und gepflegt malträtiert. Und als wir dann von ihm auch noch zum Zerrspiel aufgefordert wurden, waren wir alle drei sehr zufriedene Feldens gewesen. Beim Spiel war mir aufgefallen, dass Jason nicht ansatzweise so brachial zu Werke ging, wie es bei Harry der Fall gewesen war. Um ihn nicht zu überfordern bekam er anschließend seine erste Mahlzeit im neuen Heim serviert, natürlich sein vertrautes Futter aus dem Tierheim. Kurz darauf hatte er es sich dann auch schon für sein verdientes Mittagsschläfchen auf dem Berber im Wohnzimmer gemütlich gemacht.

Jason Futtern
Die erste Mahlzeit im neuen Heim

Der Einstieg in unser gemeinsames Abenteuer hätte nicht besser laufen können. Doch da war noch etwas. Etwas ganz Besonderes. Mit diesem, auf unserem Berber leise und friedlich vor sich hinschnarchenden Hund, hatte noch etwas Einzug gehalten. Wenn man seine Augen schloss, konnte man es regelrecht greifen. Eine wohltuende tiefe Ruhe.

Alles war genau so, wie es sein sollte!

Pfote eines Hundes

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Kapitel: Jason - Ein Aussie erwacht


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