Artgerechte Hundeerziehung
Eine Bestandsaufnahme
Hunde sind nun einmal Individuen, welche sich obendrein auch durch deren Rassenzugehörigkeit noch einmal erheblich voneinander unterscheiden. Gerade was Letzteres angeht, so beschränke ich mich keinesfalls alleine auf ihr Aussehen. Sie unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihres Charakters, den Verhaltensmustern oder auch ihrer Lernfähigkeit. Heißt also im Klartext, dass es ein allgemeingültiges Patentrezept zur Hundeerziehung, etwa den „Stein der Hundeweisen“, nicht gibt! Ach ja, bevor ich es vergesse, das Eine wird ein Hund niemals sein:
Ein Mensch!
Und nach diesen „fulminanten“ Erkenntnissen flugs zurück in Harrys Welt. Fest steht, dass eine harmonische Beziehung zwischen Hund und Mensch keinesfalls funktionieren kann, wenn man dem Hund nicht die entsprechenden Spielregeln erklärt. Fordern und fördern lautet hier die Devise. Der derbe Ruck an der Leine und das gebrüllte Wort, von den derben „Korrekturmaßnahmen“ im Falle eines unaufmerksamen Hundes ganz zu schweigen, Lehrmethoden welche noch auf den Hundeplätzen im Rahmen der Begleit-u. Schutzhundeausbildung unserer beiden Familienhunde, den Boxern „Vesta“ und „Cato“ in den 80ern Usus waren, hatten hier in unserer kleinen Welt im beschaulichen Etzenrot nichts mehr verloren. Denn in dieser Welt kam erschwerend hinzu, dass unser siebenjähriges Familienmitglied die Lebens- und Leidensgeschichte eines geschundenen und misshandelten Kettenhundes im Gepäck mit sich trug.
Hundeerziehung mit Plan
Jedem Hundehalter ist bekannt, dass Erziehung geplant werden muss. In unserem Fall galt es allerdings, mit Weitsicht zu planen. Und genau hier spielte uns die Domestikation erheblich in die Karten. Wir wissen, dass die Domestikation des Hundes sehr weit fortgeschritten ist. Diese, über viele Generationen dauernde Domestikation des Hundes durch den Menschen, hat nicht etwa zu einer „Vermenschlichung“ des Hundes geführt (welcher, nebenbei bemerkt, auf eine längere Evolutionskette zurückblicken kann als wir selbst), sondern er denkt unverändert in den eingeprägten Strukturen und Mustern seiner Art. Allerdings hat diese lange andauernde Domestikation gegenüber seinen wilden Artverwandten nachweislich zu genetischen Veränderungen geführt, die es ihm ermöglichen, über eine entwickelte Interpretationsfähigkeit menschlicher Signale und Zeichen erheblich besser mit Vertretern unserer Art kommunizieren zu können.

Gelang es nun, diese Interpretationsfähigkeit mit den spezifischen Verhaltensstrukturen Harrys zu verknüpfen, so hatten wir den Einstieg zur hundegerechten Erziehung gefunden. Es fehlte also lediglich noch der Zugriff auf seine Lerndisposition.
Und da gab es ja noch etwas. Seine Vorgeschichte gab das Ausbildungskonzept vor. Eine sanfte Trainingsmethode war Pflicht, sprich, wir hatten uns für Training mittels positiver Verstärkung entschieden. Eine Methode, welche auf dem Belohnungsprinzip basiert.
Um nun zu verstehen, warum ich immer mal wieder den Kettenhund ins Feld führe, hier ein entsprechender Vorfall aus den ersten Monaten. Harry war schon einige Monate bei uns und der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses befand sich bereits in einem deutlich fortgeschrittenen Stadium. Auf einem Waldspaziergang war meiner Frau Anja ein Steinchen in den Schuh gerutscht. Also zog sie den Fuß hoch, um den Quälgeist mit den Fingern heraus zu pulen. Harry war offensichtlich von dieser Bewegung überrascht worden, sprang zur Seite, zog knurrend die Lefzen hoch und ging unmittelbar in gesteigerte aggressive Kommunikation über, unverkennbar mit der Bereitschaft zur Beschädigung des Gegenübers. Wenige Augenblicke später ging regelrecht ein Ruck durch ihn und er entspannte sich umgehend und kam beschwichtigend wieder heran.
In diesem Fall hatte eine ganz banale Situation unseren Harry für wenige Sekunden in Verhaltensmuster aus seinem früheren Leben zurückfallen lassen. Ein Beleg dafür, wie tief diese Erfahrungen in ihm verwurzelt waren. Nur gut, dass unser Vertrauensverhältnis schon so weit fortgeschritten war, dass derartige Ausbrüche kontrolliert werden konnten.