Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Terry - Der Rückläufer

Status Unvermittelbar - Eine letzte Chance

Erneut war es in unserem Heim still und leer geworden. Jason war gerade mal etwas mehr als ein Jahr unter unserer Obhut zugestanden worden, bevor er seinen Gang über die Regenbogenbrücke angetreten musste. Harry und Jason, innerhalb von nur 10 Jahren hatten wir 2 wundervolle Familienmitglieder verloren. 10 intensiv gelebte Jahre, welche bei Anja und mir tiefgreifende Spuren hinterlassen haben. Dass wir beide uns in dieser Zeit nicht nur weiterentwickelt, sondern auch verändert hatten, lag in der Natur der Sache. Man könnte sagen, dass uns unsere beiden „Besonderen Hunde“ regelrecht in ihre Welt geführt haben und wir so gelernt hatten, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Vor allem aber haben wir viel über unsere eigene Spezies gelernt – Homo sapiens sapiens, die selbst ernannte Krönung der Schöpfung!

Das Leben schreibt in der Tat seine eigenen Geschichten. Vielleicht war es tatsächlich nur ein Zufall gewesen, welcher Anja, die äußerst schwer an Jasons Verlust zu tragen hatte, ins Tierheim Pforzheim geführt hat. Dort stand laut Homepage ein ca. zweijähriger Terrier-Mischling namens Terry zur Vermittlung, welcher in jeglicher Hinsicht unserem Anforderungsprofil entsprochen hatte. Ich greife mal etwas vor. Bei der Verarbeitung von Jasons jähem Ende hat mir in den darauffolgenden Jahren die folgende Vorstellung ungemein geholfen:

„Mir gefiel der Gedanke, dass unser alter Jason seinen Platz geräumt hat,
um einen jungen Tierschutz-Notfall im Tierheim Pforzheim namens Terry
davor zu bewahren, nach mehreren Anläufen auch noch seine
allerletzte Chance auf Vermittlung
an die Wand zu fahren!"


Pfote eines Hundes

GEBRAUCHTER HUND Terry
Heimkind Terry - © TSV Pforzheim

Es lag etwas im Busch. Mein siebter Sinn hat mich noch nie im Stich gelassen. Die zweite Maiwoche neigte sich dem Ende zu. Nach einem recht intensiven Arbeitstag am Institut saß ich nun im Auto neben Anja und es ging zum Tierheim Pforzheim. Anja hatte bereits in den vorangegangenen Tagen das Tierheim gemeinsam mit einer Nachbarin besucht. Und das nicht nur einmal. Nach Harrys Tod hatten wir uns eigentlich vorgenommen, viele Jahre mit dem Hund zu verbringen, welcher seinen Platz einnehmen würde. Nun, im großen Buch des Lebens stand zweifelsohne etwas vollkommen anderes. Da stand geschrieben, dass der vierzehnjährige Jason seinen Platz einnehmen sollte. Und glauben Sie mir, um nichts in der Welt würden wir auch nur eine Sekunde an der Seite dieses liebenswerten Chaoten missen wollen. Jason war unser Herzenshund gewesen. Sein jäher Tod hatte uns zutiefst getroffen. Wir hatten in weniger als anderthalb Jahren einfach zu viel Sterben erlebt. Und so hatten wir uns dazu entschlossen, Harrys und Jasons Platz direkt wieder mit einem „Besonderen Hund“ zu besetzen, welcher diesen Platz in unserer Mitte dringendst bedurfte. Es musste einfach so sein!

Im Tierheim angekommen, schien es mir so, als würde sich Anja hier bestens auskennen. Als wir das Haupthaus erreicht hatten, wollte ich uns anmelden und direkt, so wie es auf einem Schild stand, meinen Ausweis vorlegen. „Ach das brauchst Du nicht, komm einfach mit!“ Und so steuerten wir direkt auf eine Tierpflegerin zu, die, wie sollte es auch anders sein, Anja zu kennen schien. So nebenbei fing ich Wortfetzen wie „Terry“, „besuchen und „Runde drehen“ auf. Ach ja, nicht zu vergessen, da hieß es auch, dass die Chefin vom Hundehaus gleich zu uns stoßen würde. Wir könnten ja schon einmal vorgehen. Gesagt, getan, in der Tat kannte sich Anja hier auf dem Gelände auffallend gut aus. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war dann auch bei mir „der Groschen gefallen“. Dann hatten wir unser Ziel erreicht. Bereits als wir uns einer bestimmten Box näherten, drehten die beiden Insassen, eine mittelgroße Mischlingshündin nebst einem hochbeinigen Terrier-Mix, ordentlich auf. Vor allem der Terrier-Mix schien sich wie Bolle zu freuen, als er Anja erkannt hatte. Auf dem Namensschild des Zwingers stand „Terry“. Gut, auch wenn die Chefin nicht kam, wurde Terry von einer Pflegerin auf die anstehende Gassi-Runde vorbereitet, und schon konnte es losgehen. Hey, Terry nahm auch von mir eine Krauleinheit freudig entgegen. Anja führte und kurz darauf hatten wir dann auch schon das Tierheimgelände verlassen.

Eines jedoch war sofort offensichtlich geworden – dieser Terry war kein Kind von Traurigkeit. Bei Hundebegegnungen konnte er durchaus recht ordentlich hochfahren. Dessen ungeachtet hatte Anja den Hund vollständig im Griff. Ich bin mir sicher, dass sie bisher nicht nur ein- oder zwei Gassi-Gänge mit Terry absolviert hatte. Zudem hatte es den Anschein, als ob Terry bereits erste Bezüge zu ihr aufgebaut hatte. Das war also der zweijährige Terrier-Mischling Terry. Ein mittelgroßer kniehoher Hund, welcher, wenn auch schlank wirkend, nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen schien. Er brachte damals 17 Kilogramm auf die Waage. Er besaß einen schlanken, aber tiefen Brustkorb. Kopf, Brust und Läufe in Beige, Rumpf und Hüfte hingegen in drahtigem schwarz-grauem Fell. Auf dem Rücken besaß er einen regelrechten grauen Kamm. Auch das dichte Fell um den Hals war grau durchsetzt. Der Kopf typisch Terrier. Den tiefen Fang zierte ein recht strubbelig wirkender Bart. Die typischen nach vorne herunter geklappten Ohren konnte er je nach Bedarf auch aufstellen und ausrichten. Die sichelförmige Rute trug er stets aufrecht. Und dieser Terry besaß auffallend schöne warme braune Augen. Und diese dichten hellen Wimpern erst. Unterwegs fiel mir übrigens sein ungemein lockerer und federnde Gang auf. Doch nicht nur das. Sobald es darum ging, gegenüber einem entgegenkommenden Artgenossen den Breiten zu markieren, ließ sein Bellen durchaus aufhorchen. Hätte man dabei mal ausgeblendet, was für ein Hund da an der Leine hing und obendrein die Augen geschlossen, hätte man durchaus vermuten können, einen Rottweiler zu führen. Doch damit nicht genug. Bei dem Zug, welchen dieser Kerl mit seinen gerade mal 17 Kilogramm in die Leine brachte, hätte er beinahe mit Harry zu dessen ersten badischen Monaten gleichziehen können. Nur dass Harry damals eben in der Ü30-Kilogramm-Gewichtsklasse unterwegs gewesen war. Das hätte ich diesem Kerlchen, als ich ihn führte, niemals zugetraut. Wie dem auch sei, die Zeit ging viel zu schnell vorbei. Als Terry wieder in seine Box gebracht wurde, war für jedermann offensichtlich, dass er lieber bei uns geblieben wäre.

Heimkind Terry erste Runden
Hey, nehmt mich mit!

Der kroatische Strassenhund

Es verstand sich von selbst, dass wir uns gleich für den darauffolgenden Tag als Gassi-Gänger eintragen ließen. Und so wurden wir am Samstag von der Chefin des Hundehauses zur Box begleitet. Ach ja, wir hatten Interesse an Terry angemeldet. Im Vorbereitungsraum gab es dann weiterführende Details zu Terry. Dieser war in den Straßen Zagrebs aufgegriffen worden. Dank der Kooperation unter den Tierheimen, ich sage nur Auslandstierschutz, war Terry schließlich im TH Pforzheim gelandet. Die nächste Info ließ mich aufhorchen. Terry besaß insbesondere mit Männern tiefgreifende Probleme. Er war zuvor bereits diverse Male vermittelt worden. Einmal war er sogar noch am selben Tag wieder zurückgegeben worden. Der Grund für seine Rückkehr war stets der Gleiche gewesen. In seinem neuen Heim hatte er „zugepackt“ unabhängig davon, ob bei Zwei- oder Vierbeinern. Bei seiner letzten Vermittlung hatte wohl der angehende Halter versucht, ihn am Halsband auf die Terrasse zu zerren. Sorry, aber wie „unbedarft“ muss man im Kopf gestrickt sein, um sich solch eine törichte Handlung einfallen zu lassen. Nur gut, dass Terry von einem Leben unter dem Dach dieses Toren bewahrt worden war. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Dann kam die Stunde der Wahrheit. Terry wurde gebracht, erkannte uns und konnte es kaum erwarten, uns zu begrüßen. „So, jetzt schauen wir mal!“ und schon hatte mir die Chefin des Hundehauses direkt seine Leine in die Hand gedrückt. Ich hatte verstanden, wohin der Hase lief, doch was dann folgte, hätte sie niemals erwartet. Terry war außer sich vor Freude, warf sich nahtlos vor mir auf den Rücken, und ließ sich mit Hingabe von mir die Brust kraulen. „Das hat er definitiv noch nie gemacht!“, kam ihr über die Lippen. Tja, so wie es aussah, hatte ich den kleinen Test mit Sternchen bestanden. Falsch, hatten Terry und ich den Test bestanden.

Heimkind Terry
Unser kroatischer Badener

Wie dem auch sei, es war eine rundum gelungene Runde mit Terry gewesen. Dass wir uns direkt nach Rückkehr für Sonntag als seine Gassi-Menschen eintragen ließen, lag auf der Hand. Natürlich hatten wir der „Chefin“ nach Rückkehr Bericht erstattet. Insbesondere war auch am kommenden Tag insbesondere die Interaktion zwischen Terry und mir „beäugt“ worden. Sonntag fiel es uns definitiv schwer, den Rabauken erneut zurückzulassen. Und von Terry will ich erst gar nicht reden. Direkt nach Rückgabe wurde ein kurzfristiger Termin für die Vor-Kontrolle vereinbart. Auch wenn uns dabei ordentlich, so wie es sein muss, auf den Zahn gefühlt worden war, so hatten wir rundum ordentlich „gepunktet“, sprich, unsere Selbstauskunft, welche wir im Vorfeld dieser Kontrolle im Tierheim gemacht hatten, war vollständig bestätigt-, und die Wohnumgebung zudem für den Terrier-Jagdhund-Mischling als ideal eingestuft worden. Ein Tag später wurde dann mit der Tierheimleitung die Übernahme von Terry für kommenden Freitag vereinbart. Die täglichen Gassi-Gänge waren selbstredend unabdingbarer Bestandteil dieser Abmachung.

Bereit für ein neues Abenteuer

Am Freitag, den 20. Mai 2016, war es dann so weit. Im Tierheim angekommen, stand im Haupthaus als Erstes der offizielle Teil an. Neben der Unterzeichnung des Überlassungsvertrages gab es noch diverse medizinische Details zu besprechen. Außerdem wurde uns nun das Ergebnis der Vor-Kontrolle im Detail eröffnet. Der Kommentar der Tierschützerin: „Da hat der Terry aber so richtig das große Los gezogen! Das hat der arme Kerl endlich verdient!“ sagt wohl alles. Doch sie hatte noch etwas zu berichten. Da Anja am Vortag nicht zur Gassi-Runde kommen konnte, war Terry wohl darüber äußerst ungehalten gewesen. Seine Pflegerin und eine Gassi-Gängerin hatten das leider schmerzhaft zu spüren bekommen. Die Pflegerin wurde beim Reinigen der Box gebissen und auch die eingesprungene Gassi-Gängerin bekam eine kostenlose Akupressur verpasst. Terry hatte sich also entschieden. Nachdem wir anschließend im Hundehaus noch einen Futtersack mit seinem Futter mit auf den Weg bekommen hatten, ging es ein letztes Mal zu seiner Box. Als uns Terry schon von Weitem erkannt hatte, gab es für ihn kein Halten mehr. Ihm dann auch noch sein Geschirr anzulegen, war reiner Sport gewesen. Nach einer letzten Verabschiedung wurden wir von ihm dann regelrecht in Richtung Auto gezerrt.

Ankunft im neuen Heim
Terrys Ankunft im seinem neuen Zuhause

Am Auto angekommen, direkt Tür auf und schon hatte es sich Terry auf dem Rücksitz bequem gemacht. Schnell noch Anja dazugesetzt und schon konnte es losgehen. Der Rest ist schnell erzählt. Während ich den Löwen zurück nach Etzenrot chauffieren durfte, wurde auf der Rückbank in einer Tour gekuschelt. Doch ehrlich gesagt, gefiel mir das, was ich da im Rückspiegel beobachten durfte. Und so fiel es mir schwer, zu glauben, dass dieser glückliche Hund da hinten noch einen Tag zuvor auf eine Pflegerin sowie Gassi-Gängerin losgegangen war.

Zuhause angekommen, erwies sich Terry erneut als Wundertüte. Voller Erwartung war er aus dem Auto gesprungen, danach wurde erst einmal die Hecke am Eck auf Männerart gepflegt markiert. Hieß wohl unmissverständlich: „Terry is in da House!“ Wie selbstverständlich ließ er sich in den Innenhof unserer Anlage führen und schien obendrein genau zu wissen, welcher Treppenaufgang zu unserer Wohnung führte. Tür auf, Terry, Anja und Arne rein und Tür zu. Drinnen angekommen wurde die Leine gelöst und Terry konnte frei Schnauze sein neues Heim inspizieren. Zur Sicherheit hatten wir sein Geschirr angelassen. Außerdem stand ja in Kürze die Abendrunde an. Selbstverständlich wurde er auf seiner Erkundungstour von uns begleitet, was ihm sichtlich zu gefallen schien. Überhaupt schien er mit seiner neuen Bleibe rundum zufrieden zu sein. Und die Balkone erst. Hatte man doch von hier oben alles da unten im Blick. Und als er dann noch auf seinem Streifzug die Spielzeuge Zerrseil und Quietsche-Igel entdeckt, und uns voller Stolz präsentiert hatte, nun, da war er ohne Zweifel der glücklichste Hund unter badischer Sonne gewesen. Hundeherz, was willst du mehr?

Balkon-Inspektion
Der hintere Balkon wird inspiziert
Pfote eines Hundes

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Kapitel: Terry - Der Rückläufer


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