Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Jason - Ein Aussie erwacht

Ein Aussie in Oberbayern

Wie bereits erwähnt, hatte Jason nach meinem Klinikaufenthalt auf unseren gemeinsamen Gassi-Runden kurzerhand die Rolle meines Personal Trainers übernommen. Irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich regelrecht gehütet wurde. Mal war er vor mir, dann wieder hinter mir, um direkt wieder nach vorne zu preschen und das Gelände vor uns zu erkunden. Kurzum, er hatte alles unter Kontrolle. Was war ich froh, nicht mit etwas „Nachdruck“ zur Eile aufgefordert zu werden. Das war natürlich nicht ernst gemeint, denn soweit wäre er niemals gegangen, weil es einfach nicht seinem Charakter entsprach.

Jason - Immer aufmerksam
Jason hat alles unter Kontrolle

Als Reha-Maßnahme durften wir dann auf Empfehlung seitens Kardiologen und Internisten dann doch noch unseren seit langem geplanten Urlaub antreten. Allerdings unter klaren Spielregeln. Ich durfte unverändert kein Kraftfahrzeug führen. Gipfelstürme waren absolut verboten. Um es in den Worten meines Internisten auszudrücken, hieß das schlichtweg: „Immer schön langsam auf ein und derselben Höhenlinien wandeln! Was das nun für einen Alpensteinbock auf zwei Beinen bedeutete, dem ehemaligen „Oberfeld“ lag auf der Hand. Schließlich hatte ich bereits als Kleinkind im Pfälzer Wald und den Alpen das Laufen gelernt. Dennoch, ich hatte meine Lektion gelernt. Nie werde ich die ersten 24 Stunden vergessen, in welchen sich nach meiner Aufnahme in der Klinik zwischen Hopp oder Top bestenfalls ein Fetzen Japanpapier befunden hatte. Wie dem auch sei, es war der Beginn eines rundum erholsamen Urlaubs gewesen. Genau das Richtige für die beiden alten Herren der Familie. Während der eine auf leichten Wanderungen sein aus dem Ruder gelaufenes Herz-Kreislaufsystem wieder auf Linie bringen konnte, so war gleichzeitig gewährleistet, dass der andere sein angeschlagenes Herz nicht überfordern würde.

Jason - Wo geht's lang?
Na Anja, wo geht’s lang?

Ob auf unseren Wanderungen, den Almbesuchen, oder auch unterwegs im abendlichen Ruhpolding, einen besseren Begleiter als Jason konnte man sich nicht vorstellen. Stets aufmerksam und doch vollkommend unauffällig. Er nahm mit Begeisterung an unseren gemeinsamen Aktivitäten teil und genoss es einfach, überall dabei zu sein. Doch wie es sich für einen Aussie gehört, gab es da ja noch eine andere Seite – nämlich den „Mr. Jasel“! Doch urteilt am besten selbst.

Der Alm-Jasel
Der Alm-Jasel bei der Jause

Was also den liebenswerten Chaoten angeht, so erinnere ich mich gerne an die folgende Begebenheit. Auf unserer Abend-Runde waren wir in den Wäldern nahe der Blickner Alm unterwegs gewesen, und hatten gerade den letzten kleinen Anstieg in Angriff genommen. Der schmale Pfad verlief entlang eines Baches und schlängelte sich durch den dunklen Bergwald hinauf. Unser Ziel war ein deutlich weiter oben liegender kleiner Querpfad, welcher über eine Bergwiese zur Alm führte. Unser Wanderführer, der „Alm-Jasel“, lief, wie eigentlich immer ohne Leine, munter voraus. Nach etwa der Hälfte des Wegs muss er wohl zu der Überzeugung gekommen sein, dass ein Pfad wie dieser nur etwas für Zweibeiner sei. Und so entschied sich in seinem unermesslichen Ratschluss dazu, die Höhenmeter über die Felsen am Bachlauf nach oben zu tanzen. Als ob er sein Leben lang nie etwas anderes getan hätte, so tanzte er mit einer unglaublichen Trittsicherheit und Geschwindigkeit die Höhenmeter hinauf. Zumindest so lange, bis er schließlich von dichtem Gestrüpp jäh ausgebremst wurde. Natürlich hätte er locker zu seinen rufenden Menschen zurückkehren können, doch sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Kurz und prägnant interpretieren wir diesen mal als „Nö!“ Da ihm regelrecht der Schalk im Gesicht stand, lag auf der Hand, dass er schon wieder etwas ausgeheckt haben musste. Kurz darauf war er dann auch schon von der Bildfläche verschwunden und im dämmrigen Wald war nur noch ein sich schnell von uns fortbewegendes Knacken und Rascheln zu vernehmen. Wenige Sekunden später war dann deutlich weiter oben, an der Gabelung zum Querpfad, ein felliges Etwas zu erkennen, was uns auch prompt, nach einem pfundig eingesprungenen Schwenk, auf dem Pfad entgegengaloppiert kam. Der „Alm-Jasel“ nahm mit breitestem Aussie-Grinsen seine „Herde“ in Empfang, nur um uns postwendend erneut zu demonstrieren, dass man den Pfad auch ein paar Gänge schneller hinaufeilen kann. Wer besaß hier eigentlich einen Herzfehler? Fest stand, dass wir uns das Abendessen auf der Alm erneut redlich verdient hatten, wir drei.

Jason der Waldläufer
Jasel der Waldläufer

Jasons Weihnachten

Nie hätten wir erwartet, dass dies unser erstes aber auch einziges gemeinsames Weihnachten mit Jason sein würde. Wie bereits erwähnt, hatten wir Heiligabend bei meinen Eltern in Mannheim verbracht. Selbstverständlich hatten meine Eltern Jason bereits vor geraumer Zeit kennengelernt. Meine Eltern besaßen Hundeerfahrung und waren selbst den Boxern verfallen. Unsere Boxer Vesta von der Hardenburg und Cato von der Liebenau stammten von Züchten und waren wunderbare Weggefährten gewesen. Nach Catos Gang über die Regenbogenbrücke hatten sich meine Eltern dazu entschlossen, sich aufgrund ihres Alters keinen weiteren Hund mehr zuzulegen. Brauchten sie ja auch nicht, denn schließlich waren längst meine Schwester mit ihren Tierschutz-Hunden, dem Ratonero Toni, der Podenca Ivi und dem Mix Jack und später auch Anja und ich mit den Tierschutz-Notfällen Harry und Jason in die Presche gesprungen. Während allerdings meine Mutter für die Erziehung unserer Boxer zuständig gewesen war, hatte sich mein Vater hinsichtlich der Erziehung, sagen wir mal, eher zurückgehalten. Bleibt anzumerken, das Vesta BH war, Cato zudem auch noch die SchH-Prüfungen 1-3 bestanden hatte. Von Jasons Gehorsam waren beide durchaus recht beeindruckt gewesen. Für Vater war das natürlich selbstverständlich, denn schließlich handelte es sich bei Jason ja ein Australian Shepherd. Vater stand letztendlich auf „Bollerköppe“, sprich handfeste Hunde wie unsere Boxer oder auch Toni oder Harry. Ich sehe noch seinen glücklichen Gesichtsausdruck, wenn er wieder mal von round about 40 kg Harry angerempelt wurde, und zum derben Kraulen aufgefordert wurde. Harrys Knurren und Grunzen, welches er dabei von sich gab, hatte es ihm halt angetan. Jason hingegen war da vollkommen anders gestrickt. Während meine Mutter von Jasons zurückhaltender Art recht angetan war, so hatte mein Vater zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise einen Zugang zu ihm gefunden. Schlimmer noch, er wurde zwar von Jason kurz begrüßt, danach aber vollständig ignoriert. Doch um dem Ganzen noch einen obendrauf zu setzen, ignorierte Jason regelrecht all seine Bemühungen, ihm eine Anweisung zu „vermitteln“. Dann auch noch miterleben zu dürfen, wie Jason blitzschnell und mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks den Anweisungen seiner Menschen Folge leistete, nun, das kratzte schon ein wenig am Hundehalter-Ego. Wie dem auch sei, es war ein schönes und geselliges Fest gewesen. Auch die Übernachtung stellte für unseren betagten Oldie keinerlei Problem dar. Seine Menschen waren ja zugegen. Als wir am Mittag des 1. Weihnachtsfeiertags Mannheim wieder verließen, war Jason die Vorfreude auf sein gemütliches Heim in Etzenrot förmlich anzusehen.

Pfote eines Hundes

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