Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Artgerechte Hundeerziehung

Aus der Praxis – Die Bedeutung der Namensnennung

Anhand dieses Beispiels aus Harrys Ausbildung möchte ich Euch zeigen, welche immense Bedeutung dem Namen des Hundes zukommen kann. Genauer ausgedrückt, der Nennung des Hundenamens. Das Ziel dieses Trainings bestand darin, Harrys Aufmerksamkeit über die Nennung seines Namens auf den Hundeführer, also Anja oder mich selbst umzulenken und seine Aufmerksamkeit zu binden. Wozu, nun, das liegt wohl auf der Hand. Denn sobald ich seine volle Aufmerksamkeit besitze, kann ich ihm eine Anweisung geben. Und das zu jedem Augenblick, in jeder Situation. Natürlich kommt jetzt gleich ein Cleverle hervor und verkündet, dass sein Hund auch ohne Namensnennung ein Kommando präzise ausführt. Natürlich war das auch für Harry kein Problem. Beispielsweise im Gelände ein in Zimmerlautstärke gesprochenes „Platz!“ mit unterstützendem Sichtzeichen, und schon lag Harry. Doch darum ging es ja im Grundsatz gar nicht. Es ging darum, ein „Hilfsmittel“ zu etablieren, welches für den Hund oberste Priorität besitzt, wo auch immer und in welcher Situation auch immer. Natürlich kann man für dieses „Hilfsmittel“ jeden x-beliebigen Ausdruck verwenden, doch wäre das wirklich sinnvoll?

GEBRAUCHTER HUND Wassergleichung

Wie dem auch sei, als Harry auf die Nennung seines Namens mittels positiver Verstärkung gezielt konditioniert war, besaßen wir ein Hilfsmittel, welches sich im Gelände gerade auf Distanz als äußerst hilfreich erwiesen hatte. Also hatten wir beschlossen, unsere Fortschritte einmal von einer erfahrenen Trainerin profunder Hundekunde bewerten zu lassen und uns entsprechend fortzubilden. Als wir dieses Training begonnen hatten, besaß Harry bereits einen guten Grundgehorsam. Ebenfalls hatte er bereits gelernt, auf die Nennung seines Namens Sichtkontakt zu uns herzustellen. Und Harry vertraute mir. Eine Tatsache, welche unserer Trainerin im Rahmen eines kleinen Eingangstests in deren Trainingshalle besonders aufgefallen war. Ihr Kommentar nach erfolgreich absolvierter Aufgabe:

Herr Felden, dieser Hund vertraut Ihnen!

Dabei war nicht alleine Harrys vorbildlicher Gehorsam, sondern insbesondere auch die entsprechende Interaktion zwischen ihm und mir im Verlauf des Tests bewertet worden. Nicht zu vergessen, wir befanden uns auf vollkommen unbekanntem Terrain.

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Anja und Harry - Der Waldrand ist das Ziel

Zum Training bzw. Vertiefung des Trainings hinsichtlich der Reaktion des Hundes auf die Nennung seines Namens war neutrales Gelände Voraussetzung. Zur Belohnung wurde ein Mix aus kleinen Stücken, bestehend aus Wiener Würstchen und Käse vorbereitet. Diese, für einen Hund ausgesprochen leckere Mischung, anders ausgedrückt, die ideale Bedienung seines individuellen Vorteilsdenkens, wurde ausschließlich beim Namens-Training eingesetzt. Salopp ausgedrückt, sollte die Nennung seines Namens für den Hund regelrecht das Größte sein. Sei es beim Buddeln, dem Folgen einer interessanten Fährte oder gar im Spiel, sobald sein Name fällt wird alles andere Knall auf Fall uninteressant. Daher nun auch das Training auf fremdem Gelände und die „besondere“ Belohnung. Da Harry bereits auf seinen Namen konditioniert war, war Teil 1 der Übung schnell abgehandelt. Ein Beispiel, bitte sehr. Er war gerade an der normalen Leine geführt damit beschäftigt, einer offensichtlich äußerst interessanten Fährte zu folgen, als mein hell sowie interessant intoniertes „Harry!“ kam. Die Reaktion folgte auf den Fuß und ich blickte in zwei funkelnde Bernsteine. Prompt gab es großes Lob für die Kontaktaufnahme und natürlich direkt die Leckerei. Und das hatte gesessen! Fortan wartete er regelrecht darauf, angesprochen zu werden, Schummeln seinerseits natürlich mit inbegriffen. Die Bindung seiner Aufmerksamkeit war regelrecht ein Klacks gewesen. Mögliche Fehlerquellen bestanden im Timing des Lobs und natürlich darin, durch einen korrekten Ablauf tatsächlich die echte Bindung seiner Aufmerksamkeit auf den Hundeführer zu bewirken. Teil 2 bestand nun darin, dass nach erfolgreicher Bindung seiner Aufmerksamkeit, erst großes Lob und direkt im Anschluss nun ein Kommando folgte. Natürlich auch direkt mit Belohnungsprozedur. Nach erfolgreichem Training gab es entsprechende Hausaufgaben auf, welche eine Woche später vor Beginn des weiteren Trainings „abgefragt“ wurden.

Pfote eines Hundes

Wozu nun das Ganze? Hier nun ein entsprechendes Beispiel. Urlaub - 2010 waren wir mit Harry im Tannheimer Tal unterwegs gewesen. Eigentlich gab es nichts mehr, was Harry noch aus der Ruhe bringen konnte. Geblieben war allerdings ein tiefes Misstrauen gegenüber einem speziellen Typus älterer weißhaariger Menschen. Was seinen Gehorsam betraf, so bedurfte es nur noch dort eine Leine, wo Leinenpflicht herrschte oder ein hohes Grundgefahrenpotenzial bestand, wie beispielsweise an einer stark befahrenen Straße. An diesem Urlaubstag hatten wir uns nun für eine Tour zum Haldensee entschieden. Von dort aus wollten wir der Berghütte Adlerhorst einen Besuch abstatten. Wir waren gerade auf einem schmalen Waldpfad unterwegs, welcher lotrecht der Höhenlinien nach oben führte. Harry, die Gams, befand sich etwa 10 m voraus, als uns von oben eine Gruppe Downhill-Biker entgegen „gebrettert“ kam. Noch drei Jahre zuvor hätten die Folgen dieses Aufeinandertreffens ohne Zweifel den Weg als Aufmacher in die Schlagzeile der Kronen-Zeitung gefunden. Wie dem auch sei, Harry war alles andere als ein Kind von Traurigkeit gewesen und strotzte nur so vor Selbstsicherheit. Den Weg angesichts der herannahenden Radler zu räumen, wäre Harry nie in den Sinn gekommen. Ganz im Gegenteil. Da der Weg nun einmal von einem dunklen „Finsterling“ versperrt war, hatten die Burschen deren Räder zum Stillstand gebracht. Und der große dunkle Hund mit dem intensiven Blick kam nun auch noch stetig näher. Das war eben der wahre Harry. Höchste Eisenbahn, tätig zu werden. Harrys Namen in angemessener Lautstärke auszusprechen reichte aus, dass er sofort stehen blieb und Blickkontakt zu mir aufnahm. Da ich ihn unverkennbar erreicht hatte, und gute Sicht bestand, folgte nun ein antrainiertes Sichtzeichen, sodass Harry den Weg nach rechts frei gab und sich, auf das nächste Sichtzeichen nebst Kommando hin absetzte und verblieb. Dass er anschließend die Radler nicht ansatzweise aus dem Blick ließ, entsprach seiner Natur. Ja, diese 40 Kilogramm in dunklem Wolfsmantel hatten bei den Radlern Eindruck hinterlassen. Ich rief ihnen also zu, langsam an Harry vorbeizufahren und ihm dabei besser nicht allzu nahe zu kommen. Die Frage, ob er denn beißen würde, beantwortete ich mit „Manchmal schon!“ Die Passage verlief entspannt und die höflichen Radler Bedankten sich tatsächlich dafür. Einer hielt sogar auf unserer Höhe an und wollte wissen, welche Rasse Harry denn wäre. Denn so einen Hund hätte er noch nie zuvor gesehen. Doch fast noch mehr hatte sein Gehorsam beeindruckt. Es war ein angenehmes Gespräch gewesen, sprich, positive Werbung für den Tierschutz halt, und schon bald zogen wir alle gut gelaunt weiter unserer Wege.

Hundeerziehung - Die Basics
Verdiente Abkühlung im Haldensee

Nach einer schönen Wanderung und den Erlebnissen des Tages war sie wieder da. Die eine Frage, welche mich stets aufs Neue erschaudern ließ. Es war die Frage nach dem „WAS“. Was war alles nötig gewesen, um diesen stattlichen Hund mit dem wundervollen Charakter, diesen liebenswerten Chaoten im Wolfskleid derart herunter zu schinden, dass er in den Zustand kommen konnte, in welchem er uns 2005 übergeben worden war?

Das, was hier in Tirol gerade stattgefunden hatte, wäre noch zwei bis drei Jahre zuvor eine reine Stresssituation für Harry gewesen. Harrys Reaktion auf die Radler war die logische Konsequenz unseres täglichen Miteinanders gewesen. Die Einbindung in unser Familienleben, ein artgerechter Umgang, die tägliche Arbeit an seinen Problemen außer Haus, nicht zu vergessen seine Erziehung gingen tagein tagaus Hand in Hand. Aufgrund unseres intensiven Miteinanders hatte Harry unsere Tagesabläufe intus. Bei dem rezenten Haushund handelt es sich nun einmal um intelligente und emotionale Lebewesen. Alle Kommandos, welche er erlernt hatte, dienten ausschließlich dazu, ihn in Situationen, welche er nicht einschätzen konnte, anzuleiten. Und dass diese Anleitungen ihm Sicherheit gaben, bestätigte er uns jeden Tag aufs Neue. Vertrauensbildung pur eben. Und nebenbei bemerkt, wurde damit ja obendrein sein individuelles Vorteilsdenken ohne Unterlass bedient.

Der Versuch, Harrys komplexe Reintegration und die damit untrennbar einhergehende Erziehung auch nur annähernd darzustellen, würde den Rahmen dieser Internetpräsenz bei Weitem sprengen. Allerdings habe ich in kleinen Auszügen versucht, darzustellen, was man gemeinsam mit seinem Tierschutz-Notfall erreichen kann. Welch ein Segen es ist, sich eines „besonderen Hundes“ annehmen zu dürfen. Unseren Weg habe in meinen Büchern im Ansatz etwas tiefer gehend erläutert (seit dem „AUS“ des Verlags leider nicht mehr erhältlich). Allerdings arbeite ich bereits seit geraumer Zeit an einem finalen Buch, in welchem ich noch einmal Harrys Weg, aber auch das Leben mit seinen Nachfolgern Jason und Terry ausführlich skizziere.

Pfote eines Hundes

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