Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Aggression und Jagdtrieb

Aggressiven Kommunikation mal etwas näher betrachtet

Um das Ganze abzurunden, muss ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass, als ich damals vor über 20 Jahren im Rahmen meiner Weiterbildung um Harrys auffälligem Verhalten effizient entgegenwirken zu können, auf das Stufenmodell der Ethologin Frau Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen hinsichtlich der aggressiven Kommunikation unter Hunden gestoßen bin, ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, als hätte Harry für dieses Modell Pate gestanden.

Hunde schätzen ihre Gegner bzw. eine (vermeintliche) Bedrohung nach deren Drohsignale ein. Dabei kann es ich durchaus auch um Personen oder auch Fahrradfahrer handeln. Laut der Ethologin Frau Dr. Dorit Feddersen-Petersen führt die aggressive Kommunikation unter Hunden über drei Stufen - angefangen von der Drohung bis hin zur ungehemmten Beschädigung. Führt unter den Kontrahenten die jeweilige Eskalationsstufe zu keiner Erkenntnis darüber, welcher Aggressor der überlegene ist, so werden die Stufen des Drohverhaltens sukzessive eskaliert.

  1. Die erste Stufe der Aggression:

    • Distanzdrohen: Fixieren, Zähneblecken, Knurren, ...;
    • Distanzunterschreitung: Gelegentlicher Körperkontakt, gehemmtes Beißen, gezieltes Beißen, ....;

  2. Die zweite Stufe der Aggression:

    • Körperkontakt: Über die Schnauze Beißen, Ringkampf...;
    • Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Queraufreiten, Über dem Gegner stehen, Herunterdrücken, Schieben, Abwehr auf dem Rücken,...;

  3. Die dritte Stufe der Aggression:

    • Gehemmte Beschädigung: Anrempeln, Anspringen, Vorstoßen, gehemmtes Abwehrbeißen, gehemmtes Beißen,...;
    • Ungehemmte Beschädigung: Beißen, Schütteln,....

Auch ihre Veröffentlichungen zum Ausdrucksverhaltens von Hunden haben uns wertvolle Hilfestellungen auf unseren Weg mit Harry und Terry mitgegeben.

Aggressive Kommunikation
Unser Sturkopf muss da jetzt unbedingt hin

Aggressiven Kommunikation - Darum geht es

Ihr fragt euch nun sicherlich, warum ich gerade explizit auf dem Thema aggressive Kommunikation unter Hunden herumreite und dabei die unbedarften Hundehalter besonders hervorhebe. Na ja, ganz einfach, weil man eben seinem Hund bzw. den Hunden im Allgemeinen viel Stress ersparen kann, wenn man, und sei es auch nur ansatzweise, mit deren Kommunikation vertraut ist. Und weil es sich bei diesen Begegnungen keinesfalls um Eintagsfliegen handelt, hier gleich eine Hallo-Wach-Begebenheit aus meiner gestrigen Sonntagabend-Runde mit Hundemann. Gerade als wir aus dem Wald treten, es ist Ende Februar und die Abenddämmerung ist bereits fortgeschritten, kommen erneut junge Leute mit einem, schätze mal Staffordshire Terrier ums Eck. Diffuse Lichtverhältnisse, die Begegnung kommt überraschend, der Hund ist uns nicht bekannt und fixiert Terry sofort. Also nehme ich Terry kurz und bin, im Unterschied zu Hundemann, ziemlich tiefenentspannt. Beide Hunde fixieren sich unverändert und das tiefe Grollen aus meinem Hundemann heraus ist nicht zu überhören. Dann die Frage aller Fragen: „Dürfen sich die Beiden mal beschnuppern?“ Wo habe ich diese Frage nur schon einmal gehört? Und so lautete meine Antwort kurz und knapp schlicht: „Nein!" Dann direkt der Nackenschlag: „Aber Ihr Hund wedelt doch mit dem Schwanz, er freut sich und würde gerne!“ Also noch einmal, die steil aufgerichtete Rute dient, im Zusammenspiel mit dem Ausdrucksverhalten meines restlichen Terrys, bestenfalls als ein Ventil zum Abbau von Anspannung. Das ist alles andere als Vorfreude, was spätestens bei der Passage selbst dem unbedarften Hundeführer offensichtlich wird. Wie dem auch sei, vielleicht trifft man sich ja mal bei Tageslicht und gibt den Hunden Zeit, insofern von deren Seite aus überhaupt Interesse besteht, sich Schritt für Schritt kennenzulernen. Das Patentrezept dafür ist eigentlich recht simpel und hat sich zig Male bewährt (Tipp - Kennenlernen leicht gemacht).

Ein kleines Resümee

Zum x-ten Mal aber es muss sein – die Gefährlichkeit eines Hundes kann keinesfalls pauschal an seiner Rassenzugehörigkeit festgemacht werden. Diesbezüglich existierende Rasselisten, welche bestimmte Hunderassen sogenannten „Anlagen“ zuordnen, halten keinerlei sach-, oder fachkundigen und wissenschaftlich fundierten Überprüfung stand. Und obwohl diese Rassenlisten selbst in Anhörungen vor dem Bundesverfassungsgericht ad absurdum geführt wurden, bleiben sie weiterhin zulässig - und vollkommen ungeeignet! Merke also:

Es gibt keine gefährliche Hunderassen,
es gibt jedoch
gefährliche Individuen!

Aggressives Verhalten ist durchaus Teil des völlig normalen Verhaltens eines Hundes. Einzig und alleine durch seinen Sozialpartner Mensch ist es möglich, dieses Aggressionspotenzial beim domestizierten Haushund bewusst, oder, wie es in der Regel eher der Fall ist, auch unbewusst über das normale Maß hinaus zu steigern:

  1. Gezielte und bewusste Steigerung des Aggressionspotentials:

    • Gezielte Dressur;
    • Gezielte Zuchtauswahl besonders aggressiver Tiere.

  2. Unbewusste Steigerung des Aggressionspotentials:

    • Erziehungsfehler beim Welpen oder erwachsenen Hund;
    • Falscher, nicht artgerechter Umgang;
    • Massenzucht - Vernachlässigung des Individuums.

Solche Tiere haben niemals gelernt, in artgerecht normaler Weise (Kommunikative Interaktion) auf ihre eigenen Artgenossen oder auch den Menschen zu reagieren. Viel zu pauschal wird diesen armen Kreaturen Bösartigkeit angedichtet - doch jetzt wisst Ihr es besser!

Aggressive Kommunikation
Die Beiden haben es gelernt - Terry und Jackson

Es sind schlichtweg verunsicherte Hunde. Ein unsicherer Hund fühlt sich nur allzu leicht bedroht, da er nichts einschätzen kann, was er nicht kennt. Zwangsläufig kommt es bei ihm zu Stressreaktionen. Hierbei werden in der Regel Angst und Aggression Hand in Hand gehen.

Je mehr Fehler im „alten Leben“ eures gebrauchten Hundes gemacht wurden, je schlimmer seine Erfahrungen mit der Spezies Mensch waren, desto länger dauern Integration und der Aufbau einer echten Bindung. Sein Vertrauen in Euch wird (und muss) langsam wachsen, und bei jeder, für ihn als „bedrohlich“ bewertete Situation, muss er, entsprechend seiner Art, den „normalen“ Umgang mit dieser Situation neu erlernen. Die Sicherheit im Umgang mit dieser Situation erhält er ausschließlich von seiner Gruppe bzw. von jenen Individuen, welchen er zu diesem Zeitpunkt bereits vertraut. Ihr versteht nun auch, warum die Spaziergänge (Jagd- und Streifzüge) mit einem verunsicherten Hund gerade während der ersten Monate nach Übergabe dermaßen viel von Euch und Eurem Hund abverlangen. Gut, wenn man dabei hier und da auch einmal auf Mitmenschen trifft, welche Euch Verständnis für das Verhalten Eures Hundes währen diesen Zeiten entgegenbringen.

Pfote eines Hundes


Kennenlernen leicht gemacht

Es liegt nun einmal in der Natur der Sache, dass man da draußen, wenn man mit seinem Hund unterwegs ist, auch des Öfteren auf andere Hunde trifft. Im Gegensatz zu Harry und Jason hatte Terry von Anbeginn an mit Artgenossen nicht das Geringste am Hut. Warum dem so war, wissen wir nicht, heißt, können wir bestenfalls vermuten. Ich sage nur seine Vergangenheit als Straßenhund. Zumal Terry gerade einmal 2 Jahre alt gewesen war, als er uns überlassen wurde. Wie dem auch sei, auch wenn Terry im Laufe der ersten Monate bei nahezu jeder Hundebegegnung auf Krawall gebürstet zu sein schien, so gab es doch immer wieder einmal Ausreißer, sprich, Kontakte zu Hunden, wo wir eine ganz andere Seite von Terry kennenlernen durften. Da war der Interessierte, der Höfliche, der Kasper oder auch das Spielkind. Also lag es auf der Hand, dass es möglich sein musste, Terry auch mit jenen Hunden zusammenzubringen, welche ihn dazu motivierten, den „Max an der Leine“ heraushängen zu lassen. Die Grundidee bestand nun darin, bei den Begegnungen im Rahmen eines entspannten Gesprächs zwischen den Hundeführern nebenbei die Individualdistanzen der Hunde zu verringern. In der Regel traf diese Vorgehensweise auf positives Feedback. Als Erstes galt es bei diesen Treffen nun die individuellen Individualdistanzen der Hunde auszuloten, wobei Stressvermeidung oberste Priorität besaß. Und so näherten sich die Hunde nun schrittweise an. Positives Verhalten wurde natürlich belohnt. Die entspannte Stimmung während der Unterhaltung zwischen den Hundeführern übertrug sich natürlich auch zunehmend auf die Hunde. Hunde haben eben ein feines Näschen und so bleiben ihnen auch Hormonausschüttungen, beispielsweise bei aufkommenden Stress, bei ihren Haltern nicht verborgen. Langsam haben wir uns dann gesteigert, sprich, die Hunde sich immer mehr annähern lassen. Selbstredend haben wir sie dabei über den gesamten Prozess auf Anzeichen von Sympathie- bzw. Antipathie mit Argusaugen gewacht. Hunde sind nun einmal Individuen. Mal hat es geklappt, mal auch nicht. Auch im Reich unserer Haushunde gibt es Sympathien und Antipathien. Aber selbst wenn sich die Hunde nicht unbedingt sympathisch waren, so haben wir es auf diese Art und Weise doch erreicht, dass sie sich zukünftig einfach ignoriert haben und die Passagen, mit und ohne Leine, vollkommen problemlos abliefen. Dass auf diese Art des Vorgehens auch Hundebekanntschaften ihren Anfang genommen haben, liegt auf der Hand. Ob seine Kumpel und Kumpelinen „Little“ oder Jackson, Bobby, Paulchen, Samira, Eli oder Mila, auch wenn Terry mit seinen mittlerweile 13 Lenzen nach wie vor alles andere als ein Kind von Traurigkeit ist, so besitzt er doch auch eine ganz andere Seite. So sieht das halt aus, wenn ein beinahe Unvermittelbarer gerade noch rechtzeitig SEINE Menschen findet.

Themenübersicht

Kapitel: Aggression und Jagdtrieb


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