Aggression und Jagdtrieb
Die Sache mit Bewegungsreizen und dem Jagdverhalten
Und zu guter Letzt noch ein letzter Gedankengang zu einem typischen Verhalten unserer Haushunde, welches leider nur allzu oft von vielen Menschen als Angriff, motiviert aus gesteigertem individuellem Aggressionspotenzial, fehlinterpretiert wird. Damit meine ich die Reaktion eines Hundes auf Bewegungsreize in Verbindung mit seinem natürlichen Jagdtrieb. Sprich, ein Szenario, welches wohl jedem Hundeführer bekannt sein dürfte - ein artspezifisch natürliches Verhalten des Haushundes, die
Hatz!
Ungeachtet der Domestikation durch den Menschen ist dieser Instinkt nach wie vor in den Genen unserer Hunde „verankert“ und wurde vom Urvater unserer „Hauswölfe“ vererbt. Da es sich bei diesem artspezifischen essenziellen Trieb, Beutetiere zu hetzen und zu erlegen um einen natürlichen Instinkt handelt, liegt auf der Hand, dass man einem Hund den Jagdtrieb nicht vollständig abtrainieren kann. Er wird von anderen Hirnarealen gesteuert, als es bei der natürlichen Aggression des Hundes bei Bedrohung der Fall ist. Allerdings kann man den Jagdtrieb durch gezieltes Training mindern bzw. diesen Trieb in gewissen Grenzen kontrollieren. Zudem ist dieser Trieb rassespezifisch und individuell mehr oder weniger entwickelt, also von Wesen und Charakter des Individuums Hund abhängig. Hier nun zwei klassische Parade-Beispiele zum Thema Jagdtrieb. Die Szene mit Terry ist mir nur deshalb im Gedächtnis geblieben, da dieser Vorfall in den vergangenen 10,5 Jahren unter unserer Obhut in der Tat der Einzige geblieben ist. Da wir mit dem zweijährigen Terry einen „Besonderen Hund“ übernommen hatten, versteht es sich von selbst, dass wir von Anbeginn an gezielt gegen sein auffallend aggressives Verhalten gearbeitet-, und uns gleichzeitig der Herausforderung gestellt haben, den natürlichen Jagdinstinkt eines Terrier-Jagdhund-Mischlings in kontrollierte Bahnen zu lenken. Doch dazu später mehr.
Kleine Jagdgeschichten

Der Protagonist: Terry – Terrier-Jagdhund-Mix, damals 6 Jahre, kurzum Jagdhund2. Hochbeinig, mittelgroß, 18 kg Körpergewicht, athletisch.
Auf unserer Mittagsrunde, wir befanden uns gerade auf dem Heimweg und der „Mäuse-Junkie“ von Etzenrot war mit Hingabe damit beschäftigt, die Wiese nach Mäusen zu durchforsten, als sich 2 Feldhasen aufrichteten. Klar, dass Terry diese Bewegungen nicht verborgen geblieben war, und schon stand er vor. Warum auch immer, aber das antrainierte Zeitfenster blieb seitens seiner Hundeführer, sprich uns, ungenutzt und so kam, was kommen musste. Spätestens nachdem die Hasen die Flucht ergriffen, kam Terry in die Entscheidungslage, denn seine Menschen hatten noch immer nicht reagiert. Dann wurde der Turbo gezündet und die Hatz hatte ihren Anfang genommen. Ungeachtet so mancher geschlagenen Haken kam Terry den beiden Hasen stetig näher. Kurz vor Erreichen eines Holzstapels stoben die Hasen schlagartig auseinander und flüchteten in entgegengesetzte Richtungen. Mit dieser Nummer hatten sie den Jäger überrumpelt. Dieser war erst dem linken Hasen weiter gefolgt, hatte dann aber, warum auch immer, eine Vollbremsung hingelegt, um dem anderen Hasen nachzusetzen. Damit war die Entscheidung gefallen, denn die Hasen hatten sich zwischenzeitlich längst in Sicherheit gebracht. Nun, diese Aktion hatten sich einzig und alleine wir beiden Hundeführer auf die Fahne zu schreiben. Das Erfolgserlebnis, der Jagderfolg war ausgeblieben und natürlich wurde der Jäger auch nicht belohnt. Für uns war das in der Tat ein regelrechtes „Hallo-Wach?“ Erlebnis gewesen. Denn es ist unbestritten, dass Terry bereits zum damaligen Zeitpunkt alles besaß, um ihn auch auf Distanz von der Hatz abzuhalten.

Harry hingegen war vollkommen anders gestrickt. Ein unbeugsamer Charakter durch und durch. Doch im Gegensatz zu Terry, welcher auf den Straßen Zagrebs aufgegriffen worden war, kannte er zu Beginn so gut wie gar nichts. Dementsprechend war er vor allem im Verlauf seines ersten Jahres unter unserer Obhut außer Haus mit nahezu jeder Alltagssituation vollkommen überfordert gewesen. Schwere Misshandlungen und Vernachlässigung hatten ihn geprägt und er hatte gelernt, seine Haut so teuer als möglich zu verkaufen. Insbesondere während der ersten beiden Jahre fiel Harry durch seine Empfänglichkeit für Bewegungsreize auf. Seine Reaktion folgte in der Regel auf den Fuß, will heißen, entweder dem Gang nach vorne (aggressives Verhalten) oder auch dem Ansatz zur Hatz (Jagdtrieb). Wie dem auch sei, mit den Jahren ist es uns gelungen, ihn von der Bürde seiner Vergangenheit nachhaltig zu befreien. Und ich gebe gerne zu, dass wir bei der Bearbeitung seiner zahlreichen „Baustellen“ eher weniger explizit das Augenmerk auf seinen Jagdtrieb gelegt haben. Und nein, dass heißt keinesfalls, dass wir ihn im Gelände freie Hand, falsch, Pfote gelassen haben. Doch durch die intensive Arbeit mit ihm und seiner daraus resultierenden ganzheitlichen positiven Entwicklungen hatten wir eher „beiläufig“ auch seine Reaktion auf Bewegungsreize aus der Ecke Jagdtrieb unter Kontrolle bekommen. Harry schien eher der Typ Hund zu sein, welcher einen Hasen durchaus jagen würde. Doch wenn er ihn gestellt hätte, was angesichts seines Körpergewichts eher unwahrscheinlich gewesen wäre, dann hätte er den Hasen eher zum Spiel aufgefordert oder ordentlich abgeschlabbert anstatt ihm etwas anzutun. So wie es eben seinem friedfertigen Charakter entsprach. Hier ein Klassiker aus Harrys Jagd-Tagebuch:
Wir schreiben das Jahr 2006. Unsere Runde neigte sich dem Ende zu. Ausgelassen tobten wir mit Harry über die Wiese. Gerade wurde das Beutebällchen, welches zuvor vom Hund folgsam an den seinen Arne gegen Belohnung brav übergeben worden war, erneut, nach erfolgtem Spannungsaufbau (angedeutete Täuschung), im hohen Bogen in die Luft geschleudert. Und schon jagten motivierte 36 Kilogramm Hundemann über die Wiese, schnappten sich das Bällchen, und nahmen genau in diesem Augenblick den Radfahrer auf dem oberen Feldweg wahr. Ein kurzer Blick zum Beutebällchen, danach wurde der Fahrradfahrer ins Visier genommen. Gut, wenn man einen Ball weit schleudern kann, jedoch schlecht, wenn die Motivation des Hundes in größerer Entfernung zu seinen Menschen auf ein neues Ziel umgelenkt wird. Zu jenem Zeitpunkt besaß Harry bereits einen recht zuverlässigen Grundgehorsam. Doch mit dem Jagdtrieb ist das halt so eine Sache. Kurzum, wir besaßen keinen Zugriff mehr auf Harry. Und schon jagte dieser mit Gebell in Richtung Fahrradfahrer über die Wiese den Hang hinauf. Es ist beruhigend zu wissen, dass Harry den Fahrradfahrer unter normalen Umständen keinesfalls angreifen würde. Und ja, nach den vorangegangenen 2 Jahren des intensiven Miteinanders war das eine Tatsache! Dass der Radler Harry nicht „entwischen“ konnte, war nach wenigen Sekunden offensichtlich geworden. Doch nun kam genau das, womit wir gerechnet hatten, falsch, überzeugt gewesen waren. Zuerst jagte Harry in sicherer Distanz erst einmal eine Weile bellend neben dem Radfahrer her, welcher augenscheinlich erkannt hatte, dass von diesem Hund keine Gefahr ausging und dementsprechend unbeeindruckt zügig weiter radelte. Leichte Schlenker wurden seitens Harry synchron mitgelaufen. Währe das eine ernst gemeinte Jagd gewesen, hatte Harry längst „zugepackt“ um die Beute zu schlagen und von der weiteren Flucht abzuhalten. Doch das war alles andere als Ernst gewesen – Harry machte eben gerade ein Harry-Ding. Und es sollte noch besser kommen, denn nun wurde der Radler von Harry mal schnell spielerisch überholt, allerdings nur, um sich kurz danach wieder zurückfallen zu lassen. Harry spielte mit ihm ein fröhliches Jagdspiel, sein fröhliches Jagdspiel. Kurz darauf war Harry zufrieden und uns kam ein „lachender“ Hund freudig und pumpend den Hang hinunter entgegengetrabt. Kurz darauf saß der erfolgreiche Harry vor uns und in seinen Augen war unverkennbar zu lesen: „Na, habe ich das nicht gut gemacht?“ In der Tat, das hatte er. Und seine Menschen hatten es zuvor an Aufmerksamkeit missen lassen. Erst Gucken, dann werfen! Eigentlich ganz einfach, oder? Das Leben an Harrys Seite war nun einmal ein Entwicklungsprozess für Hund und Mensch gewesen!
Kleines Gedankenspiel
Schnell noch eine kurze Erläuterung zum eben geschilderten Verhalten. Der Umweltreiz radelnder Radfahrer hat den Hund aufmerksam werden lassen. Bewegungsmuster- und Richtung (in etwa Schema fliehende Beute) haben den Jagdtrieb des Hundes „angetriggert“, und dementsprechend hochgradig motiviert. Die Verfolgung wurde artgerecht aufgenommen. Als sich die Beute nun in Reichweite zum Zugriff befand, legte der gute Harry anstatt dem zu erwartenden aggressiven Verhalten (Anspringen, Beißen zur Fluchtverhinderung) nun ein eindeutiges Verhalten aus Richtung Jagdspiel und Imponierverhalten an den Tag. Harry demonstriert schlichtweg seinem, nennen wir ihn mal „nicht ganz freiwilligen Spielpartner“ seine Überlegenheit, besser ausgedrückt, dass er ihn jederzeit einholen konnte, es aber gar nicht wollte (Imponierverhalten).
Die Krux an diesem Verhalten lag schlichtweg darin, dass unser Harry zwar den natürlichen Urtrieb zur Jagd besaß, sein Jagdverhalten jedoch von seinem Wesen, in Verbindung mit seinen positiven Lebensumständen (Familienanbindung, Ansprache, Befriedigung der artspezifischen Bedürfnisse) bestimmt wurde. Somit gab es für ihn keinerlei Motivation zu selbstinitiierter aggressiver Jagd (Beuteschlag).
Weiterhin haben wir in Erwägung gezogen, ob es sich bei dieser Situation möglicherweise um aggressives Verhalten in Richtung Vertreibung des Fahrradfahrers gehandelt haben könnte. Doch zum Einen gab es keinerlei territorialen Bezug und die Distanzen waren viel zu groß gewesen. Zum anderen war die Entfernung zum Radler nach Ablassen von Harry deutlich geringer gewesen, als zu Beginn der fröhlichen Hatz.