Harry - Bürde der Vergangenheit
Harrys Einzug
Ab sofort wurde unser Obergeschoss zum Rückzugsgebiet der Katzen erklärt, und war somit für Harry tabu. In logischer Konsequenz habe ich in der ersten Woche meine Nächte auf dem großen Sofa im Wohnzimmer verbracht, während das andere, ein Zweisitzer, zu seinem Lagerplatz wurde. Es verstand sich von selbst, dass Harry die ersten Nächte in der neuen Umgebung keinesfalls alleine verbringen sollte. Zudem stärkt zünftiges Schnarchen um die Wette die Bindung (von welcher wir zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch meilenweit entfernt waren) ;-)

In der Wohnung war Harry aufmerksam und Spiel und Spaß mit seinen Menschen nicht abgeneigt. Unverkennbar hätte er nur allzu gerne auch unsere beiden Katzen mit in unsere Spielgruppe mit einbezogen. Doch dazu kannten wir ihn noch viel zu wenig. Gut, was unseren Abessinier-Mix Merlin anging, unserem Hund, gefangen im Körper einer Katze, so machten wir uns eigentlich keine Sorgen. Die beiden „Artgenossen“ würden sich wahrscheinlich sogar verstehen. Merlin stammte ursprünglich aus dem Tierheim Bruchsal
. Mit Artgenossen hatte Merlin nicht das Geringste im Sinn. Bei Hunden sah es da schon ganz anders aus. In Sachen Beweglichkeit und Geschwindigkeit bewegte er sich zudem in einer Dimension, welche für Hunde generell zeitlebens ein Mysterium sein würde. In der Tat sollte Merlin schon wenige Wochen später auf Harry zugehen.

Fahren wir mit Kira fort. Unserer grauen Eminenz hatten wir aufgrund ihrer Gabe der Erzählkunst den Beinamen „Quietsch“ verpasst. Mit einem Körpergewicht von 7 kg stellte sie in jeglicher Hinsicht den Gegenpol zu Merlin dar. Sie stammte aus dem Tierheim Karlsruhe
. Ihre Schultern wurden von einem durchaus beeindruckenden Kopf geziert. Und glauben Sie mir, Madame verstand es nur allzu gut, diesen mit Nachdruck durchzusetzen. Nie hätten wir gedacht, dass Kira eines Tages tatsächlich einen Narren an IHREM spanischen Bauern fressen würde. Dessen ungeachtet besaß Harry zeitlebens einen gehörigen Respekt vor seiner „Herrin“.

Da draußen in der großen weiten Welt sah es allerdings vollkommen anders aus. Auf der anderen Seite der Wohnungstür begann regelrecht das Indianerland. Das schloss natürlich den Innenhof unserer Wohnanlage mit ein. Mit Hingabe schnuffelte sich Harry durch Wald und Flur. War man ungestört mit ihm unterwegs, ließ sich eine auffällige Leinenführigkeit feststellen. Doch die wurde schlagartig reine Makulatur, sobald sich Fußgänger näherten. In den meisten Fällen fuhr Harry dann innerhalb weniger Sekunden die gesamte Palette, beginnend mit Distanz-Drohen bis hin zur offenkundigen Bereitschaft, ungehemmt zu eskalieren hoch. Hundehalter in Begleitung ihrer Hunde blieben von dieser aggressiven Kommunikation in der Regel verschont. Zudem zeigte sich Harry gegenüber Artgenossen friedlich und aufgeschlossen. Wenn die Sympathie passte, forderte er diese sogar zum Spiel auf. Das war es dann aber auch schon gewesen. Ob Auto, Fahrrad, Fußgänger, Jogger oder gar spielende Kinder - Harry hing stets tobend in der Leine und nahezu jeder Spaziergang wurde so zum Spießrutenlauf.
Ohne Zweifel hatte uns Harry in der Eingewöhnungswoche in so mancherlei Hinsicht gehörig auf die Probe gestellt. Irgendwie hatte er nicht sonderlich viel mit dem Hund, welchen man uns zuvor beschrieben hatte, gemein. Doch es sollte noch schlimmer kommen!
Stunde der Wahrheit - Erstvorstellung beim Tierarzt
Die Erstvorstellung beim Tierarzt nach dieser Eingewöhnungswoche sollte dem Ganzen noch einen oben drauf setzen. Harrys Gesundheitszustand gab ebenfalls Anlass zur Sorge. Bereits kurz nach Beginn der Eingangsuntersuchung geriet Harry zusehends in Panik. Hier stimmte in der Tat etwas nicht. Über ein derartiges Verhalten waren wir nicht ansatzweise informiert worden. Ganz im Gegenteil. Also bekam er einen Maulkorb der Praxis aufgesetzt, wohlgemerkt, einen schlecht sitzenden Maulkorb. Kurz darauf hatte Harry diesen in höchster Panik auch schon in seine Einzelteile zerlegt. Und schon war die Situation vollkommen außer Kontrolle geraten, denn Harry reagierte aggressiv offensiv auf die vermeintliche Bedrohung durch die Ärztin. Nachdem nun eine gründlichere Eingangsuntersuchung aufgrund der Aggressivität eines panischen Hundes vollkommen unmöglich war, stellte uns die Tierärztin wortwörtlich die folgende Frage:
„Wollen Sie sich diesen Hund tatsächlich antun?“
Das hatte gesessen. Eine anschließende Predigt kontra Hunde aus dem Ausland gab es gratis obendrauf. Sie stieß bei uns auf taube Ohren. Denn Harry hatte uns gerade gezeigt, wie sehr er Menschen nötig hatte, welche sich seiner annehmen. Annehmen so, wie er ist. Zudem hatten wir nie zuvor ein uns anvertrautes Tier aufgegeben und damit auch verraten. Selbst wenn die Lebensumstände auch mal schwierig geworden waren. Ein unabdingbarer Teil unserer Lebensphilosophie und Harry war uns nun einmal anvertraut worden. Und so wurde, entgegen aller Ressentiments der Ärztin, umgehend die dringend notwendige OP festgelegt und ein Heil-, und Therapieplan erstellt.
Die Tierhilfe wurde noch am gleichen Abend über den Verlauf der Probewoche und den Geschehnissen in der Tierarztpraxis in Kenntnis gesetzt. Meine Schilderungen trafen die Tierschützer in voller Breitseite. Als ich kurz darauf von einem Mitglied des Vorstands der Tierhilfe angerufen wurde, bot man mir direkt an, Harry umgehend wieder zurückzunehmen und mir an seiner statt einen anderen Hund zu übergeben. Nun ja, einen falscheren Vorschlag hätte man mir an jenem Abend nicht machen können. Und so teilte ich dem Vorstandsmitglied mit, dass Harry, komme was da wolle, bei uns bleiben würde. Dass wir, falls nötig, auch um ihn streiten würden. Die Erleichterung über diese Entscheidung war in der Stimme meines Gesprächspartners nicht zu überhören. Und so übernahm die Tierhilfe Harrys OP-Kosten. Entgegen dem Angebot der Tierhilfe auf weiterführende Unterstützung übernahmen danach wir alle weiter anfallende Kosten auf Harrys Weg der Genesung.
Und so wurde Harry nicht nur operiert, sondern, dank Narkose, endlich die dringend benötigte vollständige Befundung nachgeholt.
Und ja, es bestand zwingend Handlungsbedarf:
Angesichts dieses Gesundheitszustands in Verbindung mit Harrys auffallend aggressiven Verhalten ließ es sich der Tierarzt erneut nicht nehmen, uns die Rückgabe Harrys anzuraten. Zudem würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit medikamentöse Dauertherapien unvermeidbar sein. Ach ja, und einen Blick in die Kristallkugel gab es gratis obendrauf – Harry würde angesichts seines Gesamtzustands keinesfalls sonderlich alt werden. Als Hausnummer stand ein Lebensalter von bestenfalls 10 Jahren im Raum.
Als mich Anja nach Verlassen der Praxis auf dem Weg zum Auto fragte, was dieser Arzt da eigentlich für sonderbares Zeug von sich gegeben hatte, konnte ich nur erwidern:
„Ich nix verstanden!“
