Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Harry - Bürde der Vergangenheit

Harrys zweites Ich - Der Siberian Husky

Seitens der Tierschützer, welche uns Harry anvertraut hatten, lag die Vermutung nahe, dass sich in ihm neben dem Bardino auch der „Herder“, sprich, Hollandse Herdershond widerspiegeln würde. So oder so, hatten wir halt einen „Hütehund2“ adoptiert. Hilfreich bei dem Versuch, Harrys Charakter zu deuten, doch unterm Strich hatten wir uns jeder Menge andere Probleme zu stellen. In Sachen Wetter besaß unser Spanier allerdings eine Eigenart, welche Fragen aufwarf. Kurz gesagt, unser Hund von der Insel des ewigen Frühlings besaß eine ausgeprägte Affinität zu Kälte, Eis und Schnee. Kälte verlieh ihm regelrecht einen Kick. Sich zum Beispiel bei ausgedehnten Wanderungen durch den tief verschneiten Pfälzer Wald auf gefrorene Pfützen zu stürzen oder seinen Wolfsschädel mit Inbrunst in aufgetürmte Schneehaufen zu rammen oder sich mittenrein in den tiefsten Schnee zu legen, war seine Passion. Und ja, damals gab es im Pfälzer Wald in der Tat noch richtige Winter mit echtem Schnee.

Der Nordmann in Harry
Der Nordmann in Harry

Frühjahr 2008 hatten sich in Harrys Darmtrakt überaus fiese Mitbewohner eingenistet. Und diese Fieslinge verstanden es aufs Vortrefflichste, diesen ihren Wirt gehörig zu malträtieren. Erschwerend kam hinzu, dass es uns in den vorangegangenen Jahren nicht gelungen war, auch nur einen Tierarzt zu finden, welcher der Herausforderung Harry tatsächlich gewachsen war. Bis zum damaligen Zeitpunkt war es keinem Vertreter dieser Zunft gelungen, auch nur ansatzweise so etwas wie einen Zugang zu Harry zu finden. Ein Zustand, an welchem unser Kleiner regelrecht Gefallen gefunden zu haben schien. Sobald unser Hund auch nur ein Fitzelchen von Unsicherheit seitens der Ärzte registrierte, wurde nahtlos auf der Klaviatur der ganz harten Burschen musiziert. Ja, Harry besaß alles, was es benötigte, um sein Gegenüber zu beeindrucken. Doch wir waren ja ebenfalls zugegen. Etwas sanften Körperkontakt, ein paar beruhigende Worte und schon besaßen wir Harrys Aufmerksamkeit. Die Macht der Bindung. Zur Finalkadenz dann das schlagartige Fallen der Drohkulisse. Mr. Hyde war wie vom Winde verweht und Dr. Jekyll hatte dessen Platz eingenommen. Schade nur, dass Harrys vorangegangenen Klaviatur in der Regel bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Und so kamen wir nicht umhin, uns immer mal wieder auf die Suche nach dem einen Tierarzt zu begeben, welcher in der Lage war, Harry als Harry zu erreichen.

Rate mal, wer zu Essen Kommt
Rate mal, wer zum Essen kommt

Und so entschieden wir uns dazu, die Tierklinik in Weingarten aufzusuchen. Wie es weiter ging, lässt sich wie folgt ausdrücken: „Alles richtig gemacht!“. Für den folgenden Samstagmorgen hatten wir kurzfristig einen Termin bekommen. Im Behandlungsraum wurden wir von einer jungen Ärztin freundlich in Empfang genommen. Neben einer Arzthelferin war noch eine weitere Frau zugegen. Und kaum, dass eben diese Frau Harry entdeckt hatte, schien es regelrecht so, als wäre es um sie geschehen. Mit leuchtenden Augen kam sie auf uns zu, genau genommen straight auf Harry zu.

"Schau an, ein kleiner Husky-Mann!"

Wie bitte, wo? Und da, mal abgesehen von Harry, kein weiterer Hund im Raum zu entdecken gewesen war, ging ich davon aus, dass die Gute tatsächlich unseren Spanier gemeint hatte. Meine Entgegnung, dass es sich bei Hundemann um einen Bardino-Schäfer, mit hoher Wahrscheinlichkeit Holländischen Schäferhund, handeln würde, ließ diese keinesfalls gelten. Harry wiederum, schien von dieser Begrüßung hellauf begeistert zu sein. Mit Hingabe ließ er sich unter wohligem Grunzen den Kopf gehörig durchwalken, was, nebenbei bemerkt, allen Anwesenden ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte. Und diese Frau verstand es in der Tat, einen Hund vom Kaliber Harry ausgiebig zu morgeln. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als würde diese fremde Frau mit Harry in Dialog stehen. Mehr noch, hatte es doch den Anschein, als würden sich die beiden schon seit langer Zeit kennen. „Das Grünfell ist offensichtlich, doch nie und nimmer hat da ein Schäfer mitgemischt!“ Wie bitte? Ich konnte mich nicht entsinnen, den Begriff Grünfell zuvor erwähnt zu haben. Anja und ich waren von der Situation regelrecht überrumpelt worden. Unser Hund ließ sich auf unbekanntem Terrain, in einer neuen Tierarzt-Praxis von einer vollkommen Fremden mit Hingabe durchkneten. Besser noch, er schien sie regelrecht zu mögen. Und obendrein sollte zudem ein Husky in Harry versteckt sein? Nicht übel, gar nicht übel! Und weil ich angesichts dieser Erkenntnisse unheimlich „schlau“ ausgesehen haben muss, bekam ich prompt einen Überflug in die Morphologie des Nordmanns verpasst. Augenlinie, Schädelgeometrien und Fang sowie die dazugehörigen typischen Siberian-Husky-Ohren. Eine Einführung in die Physik von Harrys geschichtetem Fell gab es obendrein kostenlos. Streiche Bardino-Schäfer und setzte Bardino-Siberian-Husky, wow! Und glauben Sie nicht, dass es sich bei diesem Überflug etwa um einen reinen theoretischen Monolog gehandelt hat. Mitnichten, das war praktischer Anschauungsunterricht in Reinkultur gewesen. Die Augenlinien wurden zum besseren Verständnis mit den Fingern nachgefahren, das Fell auseinandergezogen, die Ohren auch schon einmal hin und her gebogen und obendrein Lefzen angehoben. Und als sich dann Harry ohne jegliche Drohsignale das Maul öffnen ließ, war ich beeindruckt. Kurz zur Erinnerung, wir befanden uns in einer Tierklinik, in einem vollkommen fremden Behandlungsraum, kurzum, im Grunde genommen in Feindesland. Dazu kam noch, dass Harry diese ganze Prozedur mit einer Engelsgeduld erduldet hatte. Mehr noch, er schien sie regelrecht genossen zu haben. Denn nach dieser Demonstration bestand er bei der Fremden, auf seine ureigene liebenswert rüpelhafte Weise, auf Nachschlag. Doch sehr zu Harrys Leidwesen verlies uns die Hundekundige kurze Zeit später. Von der Ärztin, welche, nebenbei bemerkt, ebenfalls den Nordmann in Hundemann vermutet hatte, erfuhren wir dann, dass es sich bei der Hundekundigen um niemand Geringeres, als eine erfahrene Züchterin der nordischen Rasse von internationalem Ruf gehandelt hatte.

Dem Harry sein Baum
Hunde spielen mit Stöckchen - Harry mit Bäumchen


Endlich gefunden - Harrys Tierärztin

Doch der Tag hatte gerade erst begonnen. Auf Nachfrage antwortete ich der Ärztin, dass Harry konsequent artgerecht und roh ernährt wurde. Ein skeptischer Seitenblick, doch nachdem ich die Frage nach dem „Wie lange schon?“ mit „seit der Übernahme!“ beantwortet hatte, erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. So kamen wir ins Gespräch. Sie hatte in ihrer Praxis Rohfütterer bereits zu Genüge kennengelernt. Und wie die Erfahrung gezeigt hat, waren viele dieser Hundehalter viel zu unbedarft an diese Ernährungsform herangegangen. Bei dem Gros aus den Reihen dieser Helden fehlte es nur allzu offensichtlich an Engagement und Konsequenz. Hanebüchene Ableitungen aus einer Welt der Wölfe fernab jeglicher Realität. Für diese Hundehalter war BARF nicht mehr gewesen, als ein hipper Trend des modernen Zeitgeistes.

Nach unseren Schilderungen von Harrys Problemen war die Ärztin darüber erstaunt, in welch einer guten körperlichen Konstitution Harry, insbesondere in Hinblick auf die Dauer seiner Infektion, da vor ihr stand. Das ließ nur einen Rückschluss zu. Harry wurde, seiner Art entsprechend, optimal ernährt. Eine Tatsache, welche später durch sein Blutbild deutlich untermauert wurde. Da Harry und ein Behandlungstisch niemals Freunde werden würden, entschied sich die Ärztin kurzerhand dazu, ihn am Boden zu behandeln. Die eingehende Untersuchung blieb, abgesehen von einem ordentlichen Rumoren im Darmtrakt, ohne Befund. Im Anschluss ließ sich Harry, man beachte, ohne jeglichen Protest seinerseits, den Lauf scheren und eine Blutprobe entnehmen. Diese junge Ärztin besaß in der Tat ein Händchen für besondere Hunde wie unseren badischen Spanier. Doch damit nicht genug. Als das Pflaster saß, wurde sie obendrein, für Harrys Verhältnisse äußerst sanft und rücksichtsvoll, brummend angerempelt und zum Kopf-Kraulen aufgefordert. Sie hatte verstanden und tat wie ihr geheißen. Wir konnten uns, ob dieser Geste, allesamt das Lachen nicht verkneifen. Nachdem es mir abschließend auch noch gelungen war, draußen eine Probe reinsten Durchfalls zu nehmen, war die Untersuchung abgeschlossen. Zur Therapie wurde uns eine Wurmkur mitgegeben, welche selbst den tückischen Giardien den Kampf ansagen sollte.

Bereits zwei Tage später hatten die Mietnomaden in seinem Darm damit begonnen, sich still und leise abzusetzen. Eine Woche später folgte die Nachbesprechung in der Klinik. Was soll ich sagen, Harrys Blutbild aus der Erstuntersuchung entsprach regelrecht dem Hämogramm eines jüngeren gesunden Hundes. Nicht ein Parameter wies in Richtung einer Darminfektion hin. Selbst in dem schleimigen Gemisch der Stuhlprobe war keinerlei Parasitenbefall nachzuweisen. Und doch war die Anamnese eindeutig. Wie dem auch sei, der Durchfall war dank Therapie verschwunden und Harry war wieder ganz der Alte gewesen. Erneut hatte sich gezeigt, welche Bedeutung einer artgerechten Ernährung zukommt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ein Hund, welcher mit Krümelfutter aus dem Futtersack ernährt wird, einen derartigen Darminfekt nicht ansatzweise so locker weggesteckt hätte, wie es bei Harry der Fall gewesen war.

Pfote eines Hundes

Ach ja, bevor ich es vergesse, endlich hatten wir die Tierärztin unseres Vertrauens gefunden!

Themenübersicht

Kapitel: Bardino-Husky Harry


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