Der gebrauchte Hund

Zum Gedenken an Harry und Jason

Harry - Bürde der Vergangenheit

Die Welt hinter dem Offensichtlichen

Bereits nach wenigen Monaten reichte Harrys Bekanntheitsgrad bis in die benachbarten Gemeinden. Man könnte nahezu sagen, dass unser „Grünfell“ bekannt war, wie ein bunter Hund. Ich schätze mal, dass es nicht viele Bewohner Etzenrots, nebenbei bemerkt, dem schönsten Ortsteil Waldbronns, geben dürfte, welchen im Laufe seiner ersten Monate nicht das zweifelhafte Vergnügen beschieden war, in den freigelegten Fang des tobenden Harrys an der Leine blicken zu dürfen. Der Klassiker eben, der große dunkle gefährliche Hund. Und seine beiden Besitzer erst. Anstatt den Hund ob seines aggressiven Verhaltens gegenüber Menschen mal gehörig zu maßregeln, so wie sich das gehört, sind die vollkommen ruhig geblieben und hatten Sachen mit dem Hund veranstaltet, die mit Sicherheit nicht das Geringste mit wahrer Hundeerziehung gemein hatten. Und als Krönung des Ganzen haben die einem dann auch noch frech einen „Guten Tag!“ gewünscht.

GEBRAUCHTER HUND Harry Bindung Beginn
Arne und Harry - Zwei Freunde on Tour

Es war tatsächlich Harrys Geschichte gewesen, welche Kreise gezogen hatte. Rufen wir uns an dieser Stelle noch einmal Harrys Prognosen seitens diverser gestandener Hundehalter, Trainer und, nicht zu vergessen, so manchen Tierärzten in Erinnerung. „Der ist zu alt, um noch irgendetwas zu lernen! Der bleibt so!“ oder auch „Den hat man an der Kette gebrochen! Den kann man nur noch erlösen!“ Und ja, das waren tatsächlich O-Töne! Nicht zu vergessen die profunde Erkenntnis einer professionellen Hundetrainerin: „Der ist ja taub und bestenfalls bedingt erziehbar!“ Ich könnte den Flachs an derartigen eminenten Weisheiten noch erheblich weiter spinnen, glaubt mir. Und dass er letztendlich 16 Jahre alt werden sollte, nun, das hatte nahezu jeder Tierarzt, welchen er in seinem ersten Jahr unter unseren Fittichen kennenlernen durfte (musste), vehement ausgeschlossen. Da draußen hätte kaum jemand darauf gewettet, dass Harry bereits nach wenigen Monaten intensiven Miteinanders mit seinen beiden Menschen den Nimbus des gefährlichen Hundes ablegen würde. Doch das war erst der Anfang gewesen. Der Beginn einer langen Reise gewesen. Denn der wahre Harry sollte sich schon sehr bald offenbaren.

Lachender Hund Harry
Unser Familienmitglied Harry

Dank seines starken und unbeugsamen Charakters hatte er das unsägliche Leid, welches ihm von Menschenhand zugefügt worden war, überlebt. Zudem besaß er Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche uns Primaten nun einmal nicht mit in die Wiege gelegt werden. Damit meine ich keinesfalls seine artspezifischen Fähigkeiten wie beispielsweise seinen ausgebildeten Geruchssinn mit der Fähigkeit des Stereo-Riechens oder etwa sein Gehör. Ach ja, nebenbei bemerkt, sind Hunde in der Lage, ihre Ohren unabhängig voneinander auszurichten und gleich einem Scanner zur Geräuschortung einzusetzen. Das Frequenzspektrum dieses Scanners liegt fernab des unseren. Nein, vielmehr meine ich damit, dass er Menschen, gleich einem offenen Buch, lesen konnte. Dass Hunde die Fähigkeit besitzen, menschliche Emotionen regelrecht zu riechen, ist weitläufig bekannt. Ja, mit der Chemie ist das halt so eine Sache. Doch Harrys Fähigkeiten reichten diesbezüglich viel weiter. Gleichzeitig besaß er die Gabe, mit seinem Menschen mittels unmerklichsten Signale zu kommunizieren.

Ach ja, was hat es eigentlich mit dem „Grünfell“ auf sich? Nun, nach Harrys Regeneration war schon sehr bald in seinem Fell dieser ganz spezielle Glanz auszumachen, welcher dem Hütehund der Kanaren zu Eigen ist. Auf den Kanarischen Inseln wird der Bardino auch „Verdino“ genannt, was sich vom spanischen Wort „verde“, also „grün“, ableitet. Ein grüner Hund? Nun, sobald Sonnenlichteinstrahlung und Luftfeuchtigkeit im richtigen Verhältnis zueinanderstehen, bekommt das Fell des Bardinos einen grünlichen Schimmer. Ich weiß nicht mehr wie oft wir in den darauffolgenden neun Jahren an Harrys Seite den folgenden Spruch aus erstaunten Kindermündern zu hören bekamen:

„Guckt mal, der Hund ist ja grün!“

Pfote eines Hundes

Der badische Spanier

Harry war in unserer Hundegemeinde angekommen. Ohne Zweifel hat sich das positive Feedback ihm gegenüber seitens der Menschen da draußen positiv auf seine weitere Entwicklung ausgewirkt. Im Laufe der Zeit sah man ihm situationsbedingte Unsicherheiten auch gerne mal nach. Eben noch sporadisch geknurrt, im nächsten Augenblick gleich mal Leckerli und Streicheleinheiten vom „vermeintlich gefährlichen“ Gegenüber eingefordert. Doch ungeachtet aller beachtlichen Fortschritte lag noch jede Menge Arbeit vor uns. Wobei Arbeit eigentlich der falsche Begriff war. Denn einem Hund, welcher dank zahlreicher Erfahrungen an der Seite seiner Menschen erkannt und verinnerlicht hat, dass er diesen Menschen vertrauen kann, die Neue Welt zu zeigen, nun, das stellt letztendlich kein Hexenwerk mehr dar. Das Zauberwort hier lautete schlicht profunde Hundekunde. Und dass Harrys Menschen bereits nach einem Jahr auf diesem Feld in Theorie und Praxis gehörig zugelegt hatten, stand außer Frage. Unser Grünfell selbst stellte uns das entsprechende Zeugnis aus.

GEBRAUCHTER HUND Harry im Schnee
Dezember 2006 - Der badische Spanier

Leben mit Harry hieß leben mit einem liebenswerten „Chaoten“. Durch und durch ein ehrlicher, sozialer und friedfertiger Charakter, welcher den Kontakt zu aufrechten und unvoreingenommenen Menschen regelrecht gesucht hatte. Er war alles andere als ein Kind von Traurigkeit, und seine Manieren, vor allem wenn es um die Durchsetzung der Befriedigung seines individuellen Vorteilsdenkens ging, wie beispielsweise Hundefreunden die heiß geliebten Leckerli herauszuleiern, erinnerte schon einmal an die derben Manieren eines Bauers. Doch selbst diese Aktionen zauberten allen Beteiligten stets aufs Neue ein Strahlen ins Gesicht. Warum dem so war, ist schnell erläutert. Es war schlichtweg die Kombination aus Beharrlichkeit, Erfindungsreichtum, dem ungemein knuffigen Anblick, nicht selten auch Tollpatschigkeit, doch vor allem auch die Gewissheit, dass hinter dieser inszenierten Kapriole ein grundguter Charakter stand, welcher endlich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in vollen Zügen genießen konnte.

GEBRAUCHTER HUND Harry im Schnee
Zwei die nie so richtig erwachsen geworden sind

Lernt auf den nachfolgenden Seiten Harry noch etwas besser kennen. Erfahrt mehr aus dem neuen Leben des einstigen Kettenhundes und seinen Menschen. Und haltet Euch dabei stets vor Augen, dass noch zahlreiche Harrys auf Pflegestellen oder in Tierheimen auf ihre eigenen Menschen warten. Menschen, welche mit ihnen durch dick und dünn gehen und sie ihre Vergangenheit vergessen lassen.

Themenübersicht

Kapitel: Bardino-Husky Harry


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