Harry - Bürde der Vergangenheit
Ganzheitlichkeit - Der einzig wahre Weg
Bringen wir es auf den Punkt. Bereits am Tag seiner Übernahme wurde offensichtlich, dass Harry nicht ansatzweise dem Hund entsprach, welchen man uns zuvor beschrieben hatte. Und nein, das hatte nicht das Geringste mit uns zu tun. Auch der Grad seines auffallend aggressives Verhalten außer Haus im Verlauf der Eingewöhnungswoche traf uns nahezu unvorbereitet. All das, was wir aufgrund unserer eigenen Hundeerfahrung mit unseren bisherigen Familienhunden über deren Art zu wissen glaubten, wurde von Harry regelrecht ad absurdum geführt. Die Erfahrungen aus Begleit- und Schutzhundeprüfungen regelrecht an die Wand gefahren. Doch all das war nichts im Vergleich zu seinem emotionalen Zusammenbruch in der Tierarztpraxis am Ende der Eingewöhnungswoche im Rahmen der Erstuntersuchung gewesen. In jenem Augenblick, als ich dieses wimmernde Häufchen Elend in meinen Armen hielt, hatte ich meine Entscheidung getroffen. Harry hatte in jenem kalten Augenblick seinen Familienanschluss gefunden. Ja ich weiß, hehre Worte sind das eine, ohne entsprechende Taten hingegen, sind sie nicht mehr als Schall und Rauch. Um einem vormals geschundenen Kettenhund, welcher, der Not gehorchend, verinnerlicht hatte, seine Haut so teuer wie möglich, sprich, mittels ungehemmter Aggression zu verkaufen, Vertrauen zu lehren, war es unabdingbar, auf breiter Front einzusteigen. Besser ausgedrückt, den Hund als Ganzes zu betrachten und entsprechend zu handeln.

Das einzige Mittel der Wahl bestand schlussendlich in gelebter profunder Hundekunde, worin auch sonst. Eigentlich ganz einfach, oder? Nun ja, fest steht, dass ich, um auf einen Hund effektiv einwirken zu können, ihn erst einmal als solchen verstehen muss. Dann und nur dann kann ich ihm Lebensfreude und Lebensqualität zurückgeben. Dabei ist Kommunikation das A und O in einer gesunden Mensch-Hund-Beziehung. Kenntnisse über das Ausdrucksverhalten oder Psychologie des Hundes sind unerlässlich. Gerade was das betrifft, so kommt erschwerend hinzu, dass sich hier die Hunde über die Rassen hinweg in ihrem Verhalten erheblich unterscheiden. Kenntnisse seiner Morphologie können ebenfalls nicht schaden. Kenne ich sein Verdauungssystem, so kann ich ihn auch artgerecht ernähren. Wie bereits erwähnt, sich auf einen „besonderen Hund“ einzulassen und ihm Lebensfreude und Lebensqualität zurückzugeben, ist in der Tat alles andere als ein Kinderspiel.

BARF - Ein Meilenstein
Heute, im Jahre des Herrn 2026, hat nahezu jeder Hundehalter schon einmal etwas von der Ernährungsform BARF gehört. 2005 sah das allerdings noch ganz anders aus. Und nun schaut Euch mal die „Kante“ in Tigerstreifen, sprich, „Harry 2.0“ an. So sah unser Familienmitglied nach wenigen Monaten aus, welches entgegen aller gut gemeinten Weisheiten und Ratschlägen der Tierärzte eben nicht mehr mit dem verordneten „Krümelfutter“, sondern konsequent von seinen Menschen artgerecht roh gefüttert wurde. Was hatten uns die Könner nicht alles prophezeit. Doch beginnen wir von Anfang an.
Das BARF – Konzept (in etwa Biologisch, Artgerechtes Rohes Füttern) beschreibt eine artgerechte Ernährungsform des Hundes. Artgerechte natürliche Fütterung bedeutet letztendlich, dass sich diese Ernährungsform unseres Haushundes an der Ernährung der wild lebenden Kaniden orientiert, beispielsweise dem Urvater unserer domestizierten Familienmitglieder, sprich, dem Wolf. Heißt also nichts anderes, als die Fütterung des Hundes mit biologisch geeignetem rohen Futter. Die Zusammenstellung der Futterrationen hinsichtlich Proteinen, Kohlenhydraten, Fetten, Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen orientiert sich am individuellen Tagesbedarf des Hundes. Diesbezüglich ein kleiner Link-Tipp - schaut doch einmal auf unserer Subdomain Hund und Gesellschaft vorbei.

Trotz OP und erfolgreicher Therapie gegen Harrys parasitäre Mitbewohner blieb das ausgedünnte Fell unverändert licht und stumpf. Da war nicht die geringste Spur von Regeneration zu erkennen. Doch damit nicht genug. Der arme Kerl stank, trotz erfolgter Zahnsanierung, unverändert gehörig aus dem Maul. Und sein Stuhlbild erst. Dieses glich..., nein, das wollt Ihr nicht wissen. Folgsam fütterten wir unseren Hund nach wie vor mit dem verordneten Trockenfutter. Was die Portionierung betraf, so bewegten wir uns schon lange oberhalb der empfohlenen Mengen. Dennoch schien Harry ständig hungrig zu sein. Zudem weigerte er sich beharrlich, an Gewicht zuzulegen. Diesbezügliche Hinweise unsererseits bei tierärztlichen Folgeuntersuchungen wurden stets aufs Neue dezent überhört. Oder wir wurden mit der Prognose abgespeist, dass es die Zeit schon richten würde. Und ewig grüßt das Murmeltier. Doch unser Dilemma sollte schon bald, eingeläutet durch eine simple Frage meiner Schwester, sein Ende finden:
"Wieso BARFt ihr eigentlich nicht?"
Dazu muss man wissen, dass meine Schwester zum damaligen Zeitpunkt bereits in Sachen BARF recht bewandert gewesen war: Dank dieser Ernährungsform war es ihr gelungen, innerhalb kürzester Zeit ihre beiden Familienmitglieder, die Tierschutz-Hunde, den Ratonero Toni und die Podenca Ivi wieder aufzubauen. Das Feuer war entfacht worden. Und so tat ich das, was Ingenieure halt so tun. Ich fing an, mich tief in die Materie dieser Ernährungsform einzugraben. Und wenn die Schulglocke erst einmal zum Schulschluss geläutet hat, da kommen auch die Nachbarskinder aus der Tür gestürmt. Es gab tatsächlich BARFer in der unmittelbaren Nachbarschaft. Von diesen hatte Anja erfahren, dass es ihnen gelungen war, die massiven Hautprobleme ihrer Beaglehündin dank dieser Art der Fütterung endlich in den Griff zu bekommen. Und so manchen ernährungstechnischen Tipp gab es obendrein. Dann war es vollbracht. Der Ernährungsplan stand. Höchste Zeit also, die Zutaten für die Raubtierfütterung im Web zu ordern. Und dann war es endlich so weit, im Futternapf war Zeitenwende eingeläutet. Zwei Tage später stand ich abends in der Küche und versuchte mich an meinem ersten BARF-Menü:
Aus der Portionierung der Fleischmischung durfte ich gleich einmal die Erkenntnis mitnehmen, dass roher grüner Pansen für die menschliche Nase nicht unbedingt appetitanregend wirkt. Bei einer Hundenase scheint allerdings eher das Gegenteil der Fall zu sein. Denn kaum, dass ich das aufgetaute Fleisch vom Vakuum-Beutel befreit hatte, kam Hundemann in die Küche geflogen und beobachtete fortan akribisch mein Tun. Hatte Harry einen Schuh gefuttert, oder wo kamen die Schnürsenkel sonst her, welche da von seinen Lefzen herunterhingen? Nachdem dann endlich alles ordentlich durchgemischt worden war, folgte die nächste Herausforderung auf den Fuß. Galt es doch nun, den wohl gefüllten Napf, möglichst unfallfrei, zur Futterstation zu bringen. Nicht gerade ein Kinderspiel, wenn man dabei ohne Unterlass angesprungen und angerempelt wird. Schließlich war es vollbracht, der Napf hing im Haltering des Ständers der Futterstation. Zur Verriegelung hatte es dann doch nicht mehr gereicht, denn da war schlagartig ein großer Hundekopf im Weg gewesen. In Shakespeares Tragödie Hamlet lauten die letzten Worte des Prinzen:
"Der Rest ist Schweigen!"
Lasst mich nun die Worte des Prinzen, passend zu der Fütterung an jenem Abend im beschaulichen Etzenrot, ein klein wenig abwandeln:
"Der Rest ist Knurren, Schlabbern und Grunzen!"

Kurze Zeit später war es dann getan. Der Napf war in Windeseile geleert worden. Harry hatte den Napf derart mit Hingabe ausgeschleckt, dass dieser aussah, als wäre er gerade als Neuware dem Verkaufsregal entnommen worden. Ein letztes, in der Tat nicht zu überhörendes Bäuerchen, und wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, endlich einen gesättigten Hund vor uns zu haben. Ein Anschein, welcher nicht zuletzt durch eine dezente Beule an dessen Bäuchlein handfest untermauert wurde.

Um vermeintlichen ernährungsbedingten Mangelerscheinungen vorzubeugen, hatten wir die darauffolgenden drei Tage die Mittagsration weiterhin mit dem vom Tierarzt empfohlenen Krümelfutter bereitet. Die abendliche Hauptmahlzeit hingegen erfolgte artgerecht mit rohem Futter. Welch ein Stuss! Doch was hatte es mit den drei Tagen auf sich? Nun, ganz einfach, am dritten Tag hatte Harry schlichtweg das Krümelfutter konsequent verweigert. Mehr noch, denn im gleichen Atemzug forderte er vehement sein gesundes Futter ein. Er hatte wohl verstanden, was gut für ihn war. Und weil auch seine Menschen verstanden hatten, bekam Harry fortan zeit seines Lebens nicht ein einziges Mal mehr Krümelfutter aus dem Futtersack vorgesetzt!