Harry - Bürde der Vergangenheit
Der wahre Harry
Die Operation war bestens verlaufen und Harry wurde zusehends schmerzfrei. Nach mehreren darauffolgenden Laboruntersuchungen konnte letztendlich eine Ansteckung mit Mittelmeerkrankheiten aber auch heimischen Infektionskrankheiten ausgeschlossen werden. Die Therapien hinsichtlich der Ohreninfektionen sowie seiner Haut- u. Fellprobleme dauerten noch viele Wochen. Das größte Problem hinsichtlich der Umsetzung der Therapien bestand darin, dass zum damaligen Zeitpunkt bestenfalls ein fragiles Vertrauensverhältnis zwischen Harry und uns bestand. Auch konnten wir bestenfalls erahnen, welche traumatische Erfahrungen er durch Misshandlungen gemacht hatte. Und weil dem eben so war mussten wir uns so manche unorthodoxe Umsetzungsformen dieser Therapien einfallen lassen. Ich denke da beispielsweise an die regelrechten „Badewannenschlachten“ beim shampoonieren seines Fells mit Antimykotikum. Doch egal, aus medizinischer Sicht ging es stetig aufwärts. Das alleine zählte. Und nebenbei bemerkt, hatte es den Anschein, dass Harry ab einem gewissen Zeitpunkt regelrecht Gefallen an dem „wilden therapeutischen Gerangel“ zu finden schien.

Das Futter wurde auf BARF (Biologisch Artgerechtes Rohes Futter) umgestellt, was ebenfalls einen signifikanten positiven Einfluss auf seine Regeneration mit sich brachte. Und Harry begann endlich Gewicht zuzulegen. Alarmiert durch eine sich linksseitig der Kruppe schnell entwickelnde faustgroße „Delle“, folgten weitere ärztliche Untersuchungen. Hierbei stellte sich heraus, dass man Harry an dieser Stelle vor langer Zeit wohl mit einem schweren Stock oder einer Stange ordentlich einen „übergezogen“ haben musste, so dass Gewebe und Muskulatur geschädigt worden waren. Allerdings war nachzuweisen, dass die Motorik dadurch nicht mehr beeinflusst wurde, und er keinerlei Schmerzen hatte. Durch den Aufbau der Muskulatur war diese alte Schädigung wieder zum Vorschein getreten.

Nach einigen Wochen intensiven Miteinanders hatten wir viel über Harrys Charakter gelernt. Bei Harry handelte es sich zweifellos um einen recht natürlichen Hund. In seinem Verhalten spiegelten sich viele Verhaltensmuster seiner wilden Artverwandten wider. Doch im Gegensatz zu eben diesen Artverwandten, besaß er eine besonders entwickelte Fähigkeit, menschliche Signale zu interpretieren. Gegenüber Artgenossen besaß er ein artgerechtes und rassetypisches sehr gut entwickeltes Sozialverhalten. Gegenüber anderen Tieren folgt er seinen Genen. Er besaß einen ausgeprägten Jagdtrieb. Über die Abgrenzung von echtem Jagdtrieb und Reaktion auf Bewegungsreize, wie sie für Hütehunde typisch ist, lies sich nach so kurzer Zeitallerdings bestenfalls spekulieren. Fremde Menschen sah er in der Regel als Bedrohung an, was ohne Zweifel seiner Vorgeschichte geschuldet war. Da er allerdings diesbezüglich in Sachen aggressiver Kommunikation situationsbedingt deutlich differenzierte, gingen wir davon aus, dass es sich bei ihm keinesfalls um einen a priori gefährlichen Hund handelte. Er war sehr lernbegierig und besaß eine nahezu unheimliche Auffassungsgabe.
Alles in allem war offensichtlich geworden, dass noch eine Menge Arbeit vor uns lag. Nach den ersten Monaten stand fest, dass Harry außer Haus mit vielen Alltagssituationen vollkommen überfordert war. Verständlich, denn er kannte die meisten Situationen einfach nicht. Fahrradfahrer, vorbeifahrende Fahrzeuge aller Art, selbst deren Fahrgeräusche ließen ihn zu „Höchstform“ auflaufen, sprich, ihn nach vorne tobend in die Leine gehen. Doch unser vorrangiges Problem bestand, wie zuvor erwähnt, in seinem aggressiven Verhalten gegenüber fremden Personen. Wohlgemerkt, nicht gegenüber allen, aber doch sehr vielen. Diesbezüglich waren wir gefordert, die Trigger für seine Ausbrüche herauszufinden, um im besten Fall Systematiken ableiten zu können. Denn erst wenn man weiß, was kaputt ist, kann man es reparieren. Harrys Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, im Bedrohungsfall nach vorne zu gehen. Und so wie es aussah, war er dabei bereit, ungehemmt aggressiv zu agieren. Der Preis seiner Kettenvergangenheit. Denn an der Kette gefangen, hat man letztendlich nur eine einzige Wahl, um einer Bedrohung entgegenzutreten. Nur eine einzige Wahl um zu überleben.